1.02.12 Mittwoch Dieser Monat fängt ja gut an. Das Kältehoch Dieter beschert
uns Temperaturen im Minus Bereich. Und dazu bläst noch eine kalte Bise. Zum
Glück muss ich nicht nach Draussen in diese Kälte. Ich habe alle meine
Aussentermine für diese Woche abgesagt. Ich will es nicht riskieren eine
Erkältung einzufangen. Schliesslich war
ich diesen Winter noch nie erkältet und so soll es auch bleiben. Ich denke, das
verdanke ich auch ein wenig meinem Luftbefeuchter. Er befeuchtet während der
ganzen Nacht meine Luft im Zimmer. So bekomme ich nie eine verstopfte Nase oder
einen trockenen Mund. Langweilig wird es mir wegen dem Hausarrest trotzdem
nicht. Ich hatte nämlich heute schon mehrere Besuche. Zuerst besuchten mich
zwei Blaumeisen auf dem Fenstersims. Als diese abgezogen sind sah ich plötzlich
ein Schwarzköpfchen an den Meisenknödeln picken. Wegen dem hellen Gefieder am
Bauch wusste ich sofort, dass es sich nicht um eine Kohlmeise handeln konnte. Also
googelte ich mal wieder in den Vogelbildern. Und tatsächlich finde ich diesen lieblichen
Vogel. Er trägt den Namen Weidenmeise. Es ist kein Zufall, dass er mich
gerade heute besucht. Die Gemeindearbeiter sind heute daran die Weidenböschung
im Dorfbach zurück zu schneiden. Da musste sich die Weidenmeise wohl oder übel
in Sicherheit bringen. Und was liegt näher, als auf meiner Fensterbank Schutz
zu suchen. Das sind aber noch nicht alle Besucher gewesen. Gleich vier
Alpendohlen haben sich vorhin um die Knödel vor meinem Fenster gestritten. Sie
wurden jedoch jäh durch Sirenengeheule erschreckt, dass sie das Streiten sofort
liessen und gemeinsam Richtung Wald flogen. Heute findet in der Schweiz der jährlich stattfindende Sirenentest statt. Das hat die Vögel doch so verschreckt.
Aber die werden schon wieder auf meine Fensterbank zurückkehren.
Bis dann werde ich mich ein wenig vor den Fernseher
setzen und eine Kochsendung anschauen.
All denjenigen, welche bei dieser Kälte im Freien arbeiten müssen, gebe ich folgenden Rat. Bewegen, bewegen, bewegen.
3.02.12 Freitag
Diese kleine Flamme will ich euch schenken
Sie soll euch ein wenig Wärme schenken
Es bläst wirklich ein kalter Wind. Nicht nur in der
Natur, auch im normalen Leben weht einem ein rauer Wind um die Nase. Je nach
dem in welchen Land man lebt, trifft es einen mehr oder weniger hart. Wir in
der Schweiz dürfen uns eigentlich nicht beklagen. Trotzdem müssen auch wir in Zukunft bei den
Ausgaben noch mehr sparen. Einige kluge Köpfe haben nämlich beschlossen, es
wäre an der Zeit, neue Kampfjets zu beschaffen. Ich frage mich, ob jetzt der passende Zeitpunkt für solch hohe Ausgaben ist. Damit diese Finanziert werden
können, muss nun in allen Departementen gespart werden. So will man verhindern,
dass die Bundesfinanzen nicht aus dem Ruder laufen.
Mein Mann meinte gestern zu mir. Wenn alle sparen müssen,
dann sollten wir das auch tun. Es wäre wohl das Sinnvollste, wenn wir dieses
Jahr nichts für die Steuern ausgeben würden. Das finde ich eine sehr gute Überlegung.
Sparen wir uns also dieses Jahr die Steuern.
6.02.12 Montag Es ist immer noch so kalt. Ich mag nicht mal für einen kurzen Moment aus dem Haus gehen. Früher hätte mich die Kälte nicht von der Natur fernhalten können. Doch seit ich im Rollstuhl sitze, bin ich zu einem frierenden Elend geworden. Ich sitze die meiste Zeit des Tages mit einer wohlig warmen Decke im Fernsehsessel und zappe mich durch die Fernsehprogramme. Wenn es mal gar nichts Interessantes zu schauen gibt, gönne ich mir dann eben auch mal ein Nickerchen. Momentan komme ich mir so richtig faul vor. Ich mache nicht viel anderes als Schlafen und Essen. Auch am Abend ist mit mir nicht viel los. Ich gehe mittlerweile bereits mit den Hühnern zu Bett. Anscheinend brauche ich viel mehr Schlaf als Früher. Ansonsten müsste ich doch mal ausgeschlafen haben. Wahrscheinlich hat das mit der verminderten Atmungsleistung zu tun. Dadurch werde ich schneller müde und muss mir öfters Ruhe gönnen. Es könnte aber auch sein, dass ich mich langsam aber sicher in ein Murmeli (Murmeltier) verwandle. Genügend Fettreserven hätte ich ja. Und wenn ich mich nicht immer enthaaren würde, so wäre der Pelz auch nicht mehr fern. Ob mich mein Mann jedoch so in seiner Behausung behalten würde möchte ich dann doch lieber nicht ausprobieren. Dann ziehe ich mir doch lieber lange Unterwäsche an. Sieht zwar auch nicht gerade sexy aus, doch immer noch besser als einen Pelz wachsen zu lassen. Bin ich nicht gut? Diesen Eintrag habe ich im Bett liegend auf meinem Kommunikationsgerät "Tobii" geschrieben. So, und jetzt werde ich mich wieder an meine zwei Bettflaschen schmiegen und ihre Wärme geniessen.
7.02.12 Dienstag Unter der Woche kommt bei mir jeden Morgen die Spitex
vorbei. In der Regel trudeln sie
zwischen 9.00 – 9.30 Uhr bei mir ein. Für
meine Morgentoilette und für das eingeben des Morgenessens, welches aus einem Joghurt
und einem Kaffee besteht, benötigen wir ca. 60 Minuten. Jede Spitexmitarbeiterin
versucht die Pflege so gut wie möglich durchzuführen. Trotzdem gibt es
Unterschiede, was ja auch normal ist. Bei den einen finde ich die Pflege
angenehmer und fühle mich demzufolge auch wohler. Mit den Einten beginne ich
den Tag lieber, mit Andern weniger. Aber wahrscheinlich kommen auch nicht alle
gleich gern bei mir vorbei. Manchen
sitzt zwischendurch auch mal der Schalk im Nacken. So wollte mir doch letzthin eine von den
Spitis doch tatsächlich ein zusammengeknülltes Allzweckpapier in den BH
stopfen. Ich hatte sie nur darauf hingewiesen, dass der BH nicht richtig anliege.
Solche Spässe versüssen mir doch glatt den Morgen. Ich bin jedenfalls sehr
froh, dass es diesen Pflegedienst gibt. Er ermöglicht mir momentan, ein Leben
zu Hause.
Nachdem mich die Spitex rundum mit dem nötigen versorgt
hat setze ich mich jeweils bis zum Mittag vor den PC oder schaue den Vögeln im
Garten zu. Die Vögel haben jetzt sicher auch kalt und sind dankbar, wenn man
ihnen mit ein paar Körnern über die Runden hilft. Piet konnte letzthin ein paar
Besucher in unserer Vogelvilla beim Futter picken ablichten. Sehen sie nicht schön aus? Der Grünfink mit
den grünen Federn und der Distelfink mit seinem verschieden farbigen Gefieder.
Wenn ihr ebenfalls Vögel beobachten möchtet, dann stellt
ihnen doch im Winter ein sicheres Fresshäuschen zu Verfügung. Bald werden sich
zahlreiche Vogelarten zum fressen einfinden.
8.02.12 Mittwoch Den heutigen Nachmittag verbrachte ich mit einer
langjährigen Freundin. Wir arbeiteten früher im gleichen Geschäft. Da noch weitere Personen
den gleichen Arbeitsweg hatten wie wir zwei, bildeten wir eine
Fahrgemeinschaft. Ihr könnt euch sicher vorstellen, was für ein Geschnadere bei
4-5 Frauen in einem Auto herrschte. Nachdem wir dann nach einer 30 Minütigen
Autofahrt jeweils am Ziel ankamen, war
unser Mundwerk so richtig geölt. Das passte einigen Morgenmuffeln in der
Kantine gar nicht. Da wurde uns dann schon mal gesagt, ob wir nicht ein wenig leiser
sein könnten. Morgenmuffeln eben.
Da ich mich momentan nur selten auf der Strasse zeige,
bekomme ich kaum etwas vom Gemeindeleben mit. Zum Glück habe ich liebe
Freundinnen, welche mich von Zeit zu Zeit auf den neuesten Stand bringen. Der
heutige Besuch hat mir richtig gut getan. Dankeschön Myrtha!
Laut Meteo soll es ja weiterhin kalt bleiben. Auch für nächste
Woche sind Minus-Grade angesagt. Schade, denn nächste Woche beginnt die offizielle
Fasnachtszeit. Ich würde mir doch zur Abwechslung
gerne das Eintrommeln (Fasnachtseröffnung) und die Umzüge anschauen gehen. Aber
bei der Kälte? Und da mein Mann lieber andere Musik vorzieht, ist er erst recht
nicht erpicht, mich der Kälte auszusetzen.
Ja die Katzenmusik und die Musik welche mein Mann hört
sind schon krass unterschiedlich. Während der Katzenmusikmarsch musikalisch
nicht viel Abwechslung zu bieten hat, ist
ein Gitarrensolo ein wahres Feuerwerk an
Tönen und Rhythmen. Manchmal greift mein
Mann selber in die Seiten. Es tönt gar nicht mal so schlecht. Manchmal spielt
er so laut, dass ich es sogar eine Etage höher mitbekomme. Und da ich ja selber
auch gerne laute Musik höre, drehe ich dann einfach den Regler noch lauter und
töne ihn damit aus.
Folgender Sound übertönt alles. Mir gefällt dieser Song mit
den ‘‘ Mexikanischen‘‘ Bläsern sehr gut.
The BossHoss - Don't Gimme That
10.02.12 Freitag Mir ist es erst wieder diese Woche in den Sinn gekommen, dass ich ja
bereits etwas über 11 Jahre mit den ALS-Symptomen leben. Die ALS hat mir im Laufe
der Jahre immer mehr von meinen Fähigkeiten geraubt. Viele Fähigkeiten, welche
ich im Kindesalter mühsam erlernen musste, verkümmern immer mehr. Körperlich
entwickle ich mich wieder in die Kindheit Retoure. Dies ist auf dem folgenden
Bild sehr gut zu erkennen. Ich habe mit Hilfe der Maus ein Bild(Frei Hand)
gemahlen und darüber meine Unterschrift gesetzt. Nun versteht ihr sicher was
ich mit zurück entwickeln meine.
Die Bilder, bei denen ich vorgegebene Formen wie Kreise und Vierecke benutze (Graphische),
sehen dann schon etwas stilvoller aus. Aber He, es geht noch immer was. Und
da das Hirn von der ALS nicht angegriffen wird, kommen mir sicher immer wieder
Ideen in den Sinn, wie ich die verlorenen Fähigkeiten ausgleichen kann.
Wie es um mich und meine Krankheit steht kommt dann am Montag aus. Ich werde in
der ALS-Klinik St.Gallen zu der halbjährlich stattfindenden Untersuchung
erwartet. Ich werde euch später davon berichten. Da es mir immer noch so gut
geht, mache ich mir auch keine Sorgen. Damit ihr seht, wie gut es mir geht, habe ich wieder ein aktuelles Foto von mir auf der Startseite eingefügt.
Diese Woche kann ich mich über Besuche nicht beklagen. Den heutigen Nachmittag verbrachte ich mit meinen Eltern bei Urner Schwarzem und Mutters selbstgebackenem Kuchen. Später, etwa 2 Stunden nachdem ich mein selbst gemaltes Bild ins Netz gestellt habe, kommt meine treue Freundin Erika mit einem Strauss Tulpen vorbei und gesellt sich zu unserer gemütlichen Runde. Mit solch lieben Besuchern lässt es sich den Winter gut überstehen. Am späteren Nachmittag habe ich mich endlich mal wieder nach Draussen gewagt. Mein Aussenaufenthalt beschränkte sich jedoch auf den Weg vom Haus bis zum Auto. Ich wollte nämlich wieder mal beim Einkaufen dabei sein. Dafür liege ich nun nach dem Einkauf am ganzen Körper frierend mit zwei Bettflaschen und einem erwärmten Hirsekissen auf der Brust im Bett. Trotzdem hat es sich gelohnt. Ich bin in den Genuss einer Musikalischen Darbietung durch eine Guggenmusik gekommen. Es het so richtig gfägt und mir wird nun auch langsam wieder wärmer. Winter - Antonio Vivaldi
12.02.12 Sonntag
Die Natur spielt momentan schon ein wenig verrückt. Zuerst schickt sie uns
den grossen Schnee und danach die Eiskalte. Und gestern Abend, ich lag nichtsahnend im Bett und hörte Musik,
da fing kurz vor Mitternacht plötzlich mein Bett an zu schaukeln. Ich hab dann sofort an ein Erdbeben gedacht.
Was heute auch durch die Medien bestätigt wurde. Das Epizentrum lag nicht weit
von uns entfernt und hatte die Stärke
von 4,2. Und heute legen die
Wetterkapriolen noch einen drauf. Der Himmel ist zum Teil bedeckt und trotzdem
scheint die Sonne. Das ist ja auch nichts aussergewöhnliches. Doch die luftig
leichten Flocken die immer wieder tänzelnd vom Himmel her kommen, die schon.
Die Alpendohlen verstehen die Welt auch nicht mehr. Sie halten sich noch
immer in unserem Quartier auf. Normalerweise sind sie um diese Zeit schon längst
wieder Richtung Bergen verschwunden.
Wir sollten eigentlich froh sein, wieder mal so einen kalten Winter zu haben. Die Eiskälte hat nämlich
etwas Gutes. Sie vernichtet viele Ungeziefer, welche uns im Sommer ungemein lästig würden. Eigentlich weiss die Natur schon, wann sie welches Mittel
einsetzen muss. Manchmal scheint es uns, die Naturgewalten würden gar zu krass auftreten. Da stimme ich auch zu.
Aber wie gehen wir mit der Natur, mit unserer Welt um? Michael Jackson - Earth Song
14.02.12 Dienstag
Meine treuen Leser. Ich danke euch vielmals für eure Freundschaft und wünsche euch einen schönen Valentinstag.
15.02.12 Mittwoch Anscheinend weiss Frau Holle, dass heute in vielen Orten
der Zentralschweiz die offizielle Fasnachtszeit beginnt. Warum sonst, fallen
abertausende von weissen Konfettis vom Himmel. Frau Holle gibt mal wieder Vollgas.
Alles ist mit einer weissen Schicht überzogen. Es sieht so schön aus. Es hat
wieder jede Menge ca. 25 cm Neuschnee gegeben und es schneit immer noch.
Bei meinem Mann wird sich die Freude in Grenzen halten.
Er musste heute bereits um 5 Uhr raus und wird den ganzen Tag mit Schneeräumen
beschäftigt sein. Ob es heute trotzdem zu einem Mittagessen reicht? Sonst muss
ich mich wohl oder übel zu den vier Alpendohlen gesellen die gerade vor meinem
Fenster am letzten Maisenknödel picken. Ob sie mir für den Notfall was übrig
lassen werden?
In unserer Gemeinde wurde die Fasnacht bereits Gestern
Abend eröffnet. Und heute Abend findet die Ytrummletä im Kantonshauptort Altdorf
statt. Hunderte Fasnächter nehmen mit Pauken, Trompeten und Trommeln daran
teil. Die Gruppe ist so gross, dass die hindersten nicht mehr hören was die
vordersten spielen. Trotzdem bleiben alle im Takt. Dieses Jahr werde ich diesem
Spektakel wohl nicht beiwohnen. Es ist mir immer noch zu kalt.
16.02.12 Schmutziger Donnerstag
Nun liegen nicht mehr nur weisse Konfettis auf den Strassen. Die farbigen
Fasnachtsflöhe haben sich, nachdem sie durch die Luft gewirbelt wurden,
ebenfalls zu den weissen gesellt. Welche Sorte wohl länger ausharrt? Wir werden
es dann ende Fasnacht sehen. Je nach dem, ob die Schneeschaufeln oder die Besen
zum Einsatz kommen, wird es einen Sieger
geben. Bin gespannt, wer es sein wird. Der Winter oder der Frühling.
Die Besucher, welche sich täglich auf meinem Fenstersims einfinden
und keck einen Blick in mein Zimmer werfen, um zu schauen, ob ich wohl da sei,
würden wahrscheinlich den Frühling als Sieger bevorzugen.
Soeben ist wieder die Katzenmusik vor unserem Haus vorbei marschiert. Obwohl ich selber nicht mehr mitmachen mag,
so freue ich mich doch jedes Jahr auf diese Närrische Zeit. Die Menschen finden
sich in Gruppen zusammen und geniessen gemeinsam diese spassige Zeit.
17.02.12
Freitag
Heute fiel mir auf, dass es am Morgen bereits wieder früher hell wird. Bei
schönem Wetter, fällt dies natürlich noch mehr auf. Auch die Vögel fangen am
Morgens wieder früher an zu pfeifen. Heute bestrahlt die Sonne die
schneebedeckten Berghänge und lädt zum Schneesport oder zum Apres-Ski ein. Zu
einem Sonnenbad im Schnee und zu einem Schümlipflümli (spez.Schnapskaffee) würde
ich auch nicht sein sagen. Doch heute muss ich so oder so darauf verzichten.
Mein Göttibub Simon ist für zwei Tage zu Besuch bei uns. Er trinkt trotz seinen
25 Jahren, weder Kaffee noch Alkohol. Auch das Rauchen ist ihm zuwider. Trotz
diversen Sticheleien von seitens Kollegen und Bekannten ist er seinem Vorsatz
stets treu geblieben. Von dieser Willensstärke könnten sich einige eine Scheibe
abschneiden. Und dafür bewundere ich ihn.
Auch den Job, welcher er momentan ausübt, könnte nicht jeder machen. Er
absolviert ein Praktikum auf einer Station, welche Demenz Kranke betreut.
Ist sicher nicht einfach, sich Tag täglich mit diesem Krankheitsbild
auseinander zu setzen. Doch er will es packen. Daher sucht er auf den Sommer
eine Anstellung, wo er sich zum Fachangestellten Betreuung (FABE) ausbilden
lassen kann. Kennt vielleicht jemand irgendwo einen geeigneten
Ausbildungsplatz? Die Toten Hosen - Steh auf, wenn du am Boden bist
So, nun muss ich Schluss machen. Ich will mich wieder meinem Gast widmen.
20.02.12 Güdelmontag Heute Morgen, kurz vor 5 Uhr, hörte ich den Schneepflug
an unserem Haus vorbei fahren. Er musste wohl die Strassen für die Fasnächter
frei machen. Kurz darauf ertönten auch schon die Trompeten, Trommeln und die
Pauken. Der Morgenstreich ist eröffnet. Man hört sie nicht nur, man spürt sie
auch. Spätestens, wenn die Fensterscheiben anfangen zu scheppern, weiss ich,
dass die Musikanten gerade an unserem Haus vorbei ziehen. Ich habe es sehr gut.
Ich muss nicht mal in die Kälte gehen um die Katzenmusikgruppe zu sehen. Ich
habe nämlich, dank dem Standort unseres Hauses, einen Fensterplatz. Heute
werden immer wieder vereinzelt Grüppchen durch die Strassen ziehen und den
Katzenmusikmarsch zum Besten geben. Je nach dem, was sie bereits intus haben,
tönt es mal besser mal spezieller. Ich bewundere immer wieder, mit wie viel
liebe und Engagement neue Kleider und Sujet für diese närrische Zeit kreiert
werden. Als ich auch noch aktiv dabei war, schneiderte ich zusammen mit einer
meiner Schwestern, unsere Gwändli auch selber. Es ist mit viel Arbeit und Zeit verbunden. Wenn
man sich dann aber in mitten der andern Maskeraden wiederfindet, weiss man das
es sich gelohnt hat.
Dass man auch mit wenig ein toller Maskerad sein kann,
beweisen folgende zwei Bilder.
Was meint ihr wohl, wer sich dahinter versteckt?
Es ist eine meiner Spitex-Mitarbeiterinnen, die sich einen Spass mit
meinen Duschutensilien geleistet hat. Sieht doch richtig gelungen aus.
Jetzt muss ich dann gleich wieder meinen Fensterplatz einnehmen. Der
Kinderumzug wird gleich starten und den will ich auf keinen Fall verpassen.
19.45 Uhr Ich hab jetzt grad Lust die S.. (das Schweinderl) raus zu lassen. Macht ihr mit? Maeder - Ca Plane Pour Moi Habt
ihr ihn erkannt? Es ist tatsächlich der neue Sänger von Gotthard.
21.02.12 Dienstag Habt ihr's auch gehört. Es ist anscheinend kein Gerücht. Man sagt, die
Fasnächter hätten ihre Arbeit so gut erledigt, dass dem Winter nichts anderes
übrig bleibe, als möglichst schnell die Socken zu klopfen. Wenn dann heute Abend
der Böög verbrannt wird, wird wohl auch Frau Holle merken, dass es nun aus ist
mit dem Kissen schütteln. Nächsten Winter kann sie ja wieder jede Menge
weisser Flöhe auf die Erde schicken. Aber jetzt muss sie das Feld räumen. Am
Wochenende solle es nämlich schon die ersten frühlingshaften Temperaturen
geben. Nicht umsonst sind bereits an der Fasnacht, Boten des Frühlings
aufgetaucht.
Heute Nachmittag musste ich für 2 Stunden ohne Strom auskommen. War dies
Langweilig. Ich konnte weder Fernseh schauen, noch konnte ich Musik hören. Auch
der PC hatte eine Mattscheibe und ich konnte nicht surfen. Für einen Ausflug
war es mir zu kalt und der Treppenlift war ja auch Ausser betrieb. Nein, wir
hatten keinen Blitzeinschlag. Der Stromunterbruch wurde selber arrangiert. Bei
jedem Gebäude in der Schweiz werden alle 20 Jahre die Elektroinstallationen geprüft. Und Heute war es eben bei unserem
Haus soweit. Jede Steckdose, jeder Lichtschalter, jede Leitung und deren
Verkabelung wird begutachtet. Sind alle Stromquellen durch eine FI-Sicherung
abgesichert. Man kann nur staunen, über die vielen Steckdosen, welche sich in
einem Haus befinden. Die Kontrolle ist relativ gut verlaufen. Ein paar
Kleinigkeiten müssen wir durch einen Installateur in Ordnung bringen lassen.
Dann haben wir wieder weitere 20 Jahre Ruhe. Ich finde dies aus
Sicherheitsgründen eine gute Sache.
Die stromlose Zeit musste ich irgendwie überbrücken. Also lenkte ich den
Rolli zu dem Fenster, von dem aus ich die beste Sicht auf die NEAT-Baustelle
hatte. Es war interessant mal Maschinen und Menschen bei der Arbeit zu
beobachten. Sonst kommen bei mir ja meistens die Vögel zum Zuge. Ich muss
sowieso wieder vermehrt meinen Horizont erweitre. Mal schauen, auf was ich mich
als nächstes stürze.
Und ja, Heute war es wieder soweit. Ich hatte einen Termin beim Zahnarzt
für eine weitere Zahnreinigung. Obwohl es mich während der Behandlung immer
wieder gewürgt hat und die Dentalhygienikerin dadurch kurz unterbrechen musste,
ist es für meine Verhältnisse recht gut gelaufen. Ich denke, irgendwann werde
ich es schaffen, den Würgereiz irgendwie zu überlisten. Vielleicht müsste ich
es mal mit Om ausprobieren. So und jetzt muss ich mich ans Fenster manövrieren. Bald ist Üstrummletä und der Böög wird in unmittelbarer Nähe meines Fensters aufgehängt und angezündet. Ein schaurig, feuriges Schauspiel.
In Schall und Rauch ist der Böög untergegangen. Jetzt ist die Fasnacht endgültig aus. Es lebe hoch der Frühling.
22.02.12 Mittwoch Mit langsamen Schritten bewegt sich der Frühling auf mich
zu. Ich kann es kaum mehr erwarten, meinen goldigen Käfig zu verlassen. Heute
über den Mittag schien die Sonne so wunderschön auf unseren Balkon, dass mich
mein Mann für eine Viertelstunde nach Draussen liess. War das herrlich. Die
frische Luft, die Vögel singen zu hören und die Sonne auf meinem Gesicht zu
spüren. Oh, wie ich doch das Leben liebe. Es dauert sicher nicht mehr lange und
ich kann meinen Käfig endgültig verlassen.
Text @ Kelly Family
Ein
Vogel kann im Käfig nicht fliegen
Ein Vogel braucht zum Fliegen die Freiheit
Doch ein Vogel kann singen
Unser Lied macht ihn frei
Denn was seinem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Ja was einem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Manches Mal sperrt man ihn im Käfig ein
Er ist klein und er kann sich nicht befreien
Doch ein Vogel kann singen
Unser Lied macht ihn frei
Denn was einem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Ja was einem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Und manchmal im Leben geht es auch dir so
Du glaubst du bist von der Welt vergessen
Und von den Menschen verlassen
Und du fühlst dich wie ein Vogel im Käfig
Der nicht fliegen kann
Doch ein Vogel kann singen
Unser Lied macht ihn frei
Denn was einem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Ja was einem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Ein Vogel kann im Käfig nicht fliegen
Ein Vogel braucht zum Fliegen die Freiheit
Doch ein Vogel kann singen
Unser Lied macht ihn frei
Denn was einem Vogel auch geschieht
immer bleibt ihm sein Lied
ja was einem Vogel auch geschieht
Immer bleibt ihm sein Lied
Ich werde die Natur wieder aufs Neue bewundern können.
Ich werde auf meinen Ausflügen viel Neues entdecken dürfen. Die Natur hält so viel
Schönes für mich bereit. Ich werde meine Vögel, meine Schmetterlinge, meine Enten,
meine Blumen und Sträucher und noch so vieles mehr wieder sehen. Mein Flugdrang
wird von Tag zu Tag stärker. Bitte liebe Kälte, ziehe dich zurück und mach
meiner geliebten Sonne Platz. Ich mag nicht mehr lange warten.
24.02.12 Freitag Jeder Tag bringt uns dem Frühling einen Schritt näher. Die Sonne hat schon sehr viel Wärme in sich
und sie geizt auch nicht damit. Sie hat es mir heute ermöglicht, 45 Minuten auf dem Balkon zu verweilen. Ich
benötigte diesmal nicht mal mehr eine Decke. Gegenüber Gestern ist das eine
Steigerung von (war noch nie ein Held in
der Mathe), na ich sage einfach 2/3 länger. Ich taste mich langsam nach
draussen und akklimatisiere mich langsam an die Aussentemperaturen. Bald
verlasse ich meinen Käfig Nachmittag weise und kehre mit vielen neuen Eindrücken zurück.
“Geduld ist das
Vertrauen, dass alles kommt, wenn die Zeit dafür reif ist“
27.02.12 Montag
Wir haben in gesehen, wir haben ihn gespürt.
Ich kann euch verraten, er ist traumhaft. Die Sonne hilft ihm an Wärme
zuzulegen. Mein Mann und ich sind ihm am Samstag ins Tessin entgegen gereist. Wir
wurden so herzlich und mit so viel Wärme (23°) begrüsst, dass wir gar nicht mehr
nach Hause wollten. Mit der Zuversicht, dass er bald genug Wärme gespeichert
hat, um über den Gotthard ins Urnerland zu gelangen, haben wir uns dann doch entschlossen,
zu Hause auf ihn zu warten. Und heute ist er tatsächlich bei uns eingetroffen.
Spürt ihr ihn auch? Der sehnsüchtig erwartete Frühling ist endlich da. Ich
könnte die ganze Welt umarmen.
When
the sun comes down
Auch
wenn einige nie genug vom Schnee bekommen können und am liebsten das ganze Jahr
mit den Skiern unterwegs wären, lässt sich der Frühling nicht mehr aufhalten.
Mein Sohn gehört auch zu den angefressenen Skisportler. Zum Glück liegt in den
Skigebieten von Canada und der USA noch genügend Schnee, damit er dem
Schneesport frönen kann. Wenn er dann nach Hause zurückkehrt, wird er hoffentlich
genug ausgepowert sein um aufs Bike umzusatteln. In fünf Wochen wird der
Frühling sicher seine schönste Seite zeigen.
Während mein Mann und ich am Samstag den Frühling genossen, genoss unser Sohn das Freeriden in den Amerikanischen Wäldern.
28.02.12 Dienstag Bevor ich mich ganz im Frühling vergesse will
ich euch die Ergebnisse meiner halbjährlichen stattfindenden Verlaufskontrolle
meiner ALS bekannt geben. Ich wollte eigentlich
den schriftlichen Bericht meines Neurologen abwarten um euch die Ergebnisse mit
seinem Fachlichen Wissen zu untermauern. Da der Untersuch vor zwei Wochen stattfand
und ich nicht länger auf den Bericht warten mag, werde ich euch mit meinen laienhaften Ausdrücken die Ergebnisse bekannt
geben.
Als wir am Montag dem 13.02.12 um 13.00 Uhr bei
der ALS-Klinik vorfuhren, konnten wir nur verständnislos den Kopf schütteln.
Die Parkplätze für Behinderte dienten als Schneedepot. Vor den Eingang konnten
wir auch nicht fahren. Die Ein- und Ausfahrt war nicht geräumt. Also parkierten
wir auf einem andern Parkplatz ein wenig weiter entfernt. Auf den Trottoirs zur
Klinik lag reichlich Schnee und ein befahren mit dem Rollstuhl war schwierig. Mir
kamen die vielen ALS-Betroffenen in den
Sinn, welche immer noch als Fussgänger die Klinik aufsuchen und mit unsicheren
Schritten durch den Schnee stapfen müssen. Ich kann euch sagen, ich habe mich
dermassen aufgeregt, dass ich am liebsten kehrt gemacht hätte. So etwas darf
einfach nicht passieren. Wenn nun einer gestürzt wäre und hätte danach einen
Gips tragen müssen, wäre das fatal gewesen. Die Muskeln welche sich unter dem
Gips zurückgebildet hätten, könnte ein ALS-Betroffener nie mehr aufbauen. So
was verstehe ich dann gar nicht. Da wird geforscht, wie dieser Krankheit am besten zu begegnen
ist, übersieht jedoch was momentan am wichtigsten wäre. Nämlich der Unfallfreie
Zugang zur Klinik. Ich hoffe, dieses Schneeschlamassel bleibt einmalig. Ich
habe die Klinik jedenfalls darauf hingewiesen.
Jetzt kommt aber der schöne Teil. Mein Mann ich
werden schon seit Jahren von der ALS-Klinik durch die Krankheit begleitet. Das
Betreuungsteam in St. Gallen ist hervorragend. Bei einem Besuch werde ich als
erstes vom Neurologen untersucht. Er schwingt jeweils sein Hämmerlein um die
Reflexe zu testen. Dann wird manuell die Restkraft in den verschiedenen
Gliedern gemessen. Der Mundinnenbereich sprich Zunge, Gaumen, Schluckreflex
wird angeschaut und der Aussprache wird gelauscht. Damit das Sprechen
deutlicher wird, könnte mit Einspritzen von Eigenfett in das Gaumensegel eventuell
eine Verbesserung herbeigeführt werden. Durch einen einfachen Test wurde
festgestellt, dass der Nutzen bei mir Minim wäre und er müsste sowieso von Zeit
zu Zeit nachgespritzt werden. Und dies bei meinem gesteigerten Würgreflex. Ne,
Ne, das tue ich mir nicht an. Später werden alle Daten mit dem Untersuch von vor
einem halben Jahr verglichen. Normalerweise, wenn Ergebnisse / Zahlen mit
Vorjahreszahlen verglichen werden, kann
das Ergebnisse plus, minus oder gleich sein. Bei ALS Ergebnissen überwiegt leider
vielfach ein Minus. Was so viel bedeutet, es hat eine Verschlechterung
stattgefunden. Bei mir hat zum Glück keine Verschlechterung stattgefunden. Bin
ich froh.
Mein Neurologe nahm es dann doch Wunder, warum in
meinem rechten Arm immer noch viel Restkraft vorhanden ist und im andern Arm
nicht. Kurzerhand pikste er mir eine Nadel in den Bizeps und schloss mich am
Strom an. Danach musste ich meinen Arm anheben und auf dem Aufzeichnungsmonitor
wurden Ausschläge sichtbar. Das Ergebnis war beeindruckend. Der Nervenstrang /
Muskelstrang welcher den Bizeps versorgt, haben die Funktion von ungefähr siebzehn untergegangenen Nervensträngen/
Muskelsträngen (Aussprossung der Axone) übernommen. Diese enorme Anzahl kommt
bei ALS eher selten vor. Für mich ist dies momentan sehr gut. Eine Gefahr
besteht leider. Sollte der Energielieferant
meines Bizepses untergehen, gehen auch gleichzeitig alle andern Siebzehn
Stränge mit unter. Meine Kraft und die Beweglichkeit meines Arms und den
Fingern wäre auf einen Streich weg. Aber wer weiss, vielleicht gehören sie zu
den Unzerstörbaren.
Den mittleren Teil des Klinikbesuches
verbringen wir dann jeweils mit einer Pflegefachfrau
welche sich auf die Betreuung von ALS-Betroffenen spezialisiert hat. Zusammen
wird eine Checkliste abgearbeitet. Nebst medizinischen Fragen kommen auch
Themen zum Alltag zur Sprache. Unter anderem wird nach der Pflege zu Hause gefragt.
Wie alles funktioniert. Ob genügend Hilfe vorhanden ist. Wie es mit den
Hilfsmitteln aussieht und so weiter. Zum Schluss wird noch ein
Funktionstest meiner Lunge gemacht. Auch hier ist keine Verschlechterung
eingetreten.
Beim dritten und somit letzten Teil des Besuches
ging es diesmal um das Assessment (Beurteilung, Einschätzung, Bewertung) der
Atmung. Ein Physiotherapeut erklärte mir Atemtechniken,
mit denen ich meine Atmung effizienter und mit weniger Kraftaufwand einsetzen
kann. Auch die Übungen für den Erhalt des Lungenvolumens und das Abhusten des
Sekrets werden mir / uns im Alltag sehr helfen.
Nach drei Stunden bin ich dann jeweils schon froh,
die Klinik verlassen zu können. Mit solch einem erfreulichen Ergebnis in der
Tasche nimmt man allerdings auch noch die zweistündige Heimfahrt gerne in Kauf.
Und jetzt bin ich
ebenfalls müde. Das viele Schreiben hat mich geschafft. Muss mal Pause machen.
29.02.12
Mittwoch Am letzten Tag des Monats hat sich die Käfigtüre
geöffnet. Nun bin ich endlich frei wie ein Vogel und kann wieder durch die
Natur streifen.
Ich bin sogleich
zum See gefahren um nach zuschauen, was sich über den Winter so verändert hat.
An manchen Stellen war der Weg sehr Nass und die Erde aufgeweicht. Ich musste
aufpassen, dass sich die Räder des Rollstuhls im Match nicht festfuhren. Es ist
aber alles gut gegangen. Nicht auszudenken wenn nicht. Mein Mann hat mir nämlich
am Mittag noch eingetrichtert, ich möge doch bei der ersten Ausfahrt ein wenig vom
Gas wegnehmen. Dies war ein guter Rat.
Heute habe ich am See nur
die Enten angetroffen. Wo die Schwäne und Gänse sich aufgehalten haben, keine Ahnung.
Vielleicht treffe ich sie ja bei meinem nächsten Besuch.
Da die Seeluft immer
noch recht kühl war, hielt ich mich auch nicht lange dort auf. Wäre ja noch
schöner, jetzt eine Erkältung einzufangen, wogegen ich den ganzen Winter
verschont geblieben bin.
Wieder Zuhause angelangt
inspizierte ich unseren Garten. Und was sehe ich da? Unsere ersten Frühlingsboten haben ihre Köpfe aus der noch halb gefrorenen Erde gestreckt.
Sie sehen aus wie kleine Frühlingssonnen. So zart
und wunderschön sind die Winterlinge.