Damit ihr wisst, mit wem ihr es auf dieser Homepage
zu tun habt, werde ich mich unter Meine Geschichte
vorstellen.
Meine Geschichte 1961 - 2009
Man kann viel fürs Leben lernen, wenn man auf einem
Bauernhof und in einer Grossfamilie aufwachsen darf. Ich habe gelernt zu
Arbeiten. Mich in Gruppen zu integrieren. Rücksicht auf andere zu nehmen. Meine
Wünsche durchzu-setzen und vieles mehr.
Ich werde im November 1961 geboren. Ich darf mit 5 älteren
und 3 jüngeren Geschwistern aufwachsen. Meine Eltern bewirtschaften einen
Bauernhof.
Wir Kinder dürfen / müssen
bei der täglichen Arbeit mithelfen. Die Jungs im Stall, die Mädels im Haus. Die
Älteren mehr, die Jüngeren weniger.
Wir Mädels können aber auch Handlä (Kuheuter vorbereiten) und Melken. Beim
Heuen dürfen wir alle mithelfen. Das ist ein Gaudi (Spass), wenn wir auf dem vollgeladenen Füeder (voller Wagen) sitzend nach Hause fahren und nie wissen ob das Heu auf
die Eine oder Andere Seite kippt.
Bei so vielen Kindern müssen die Grösseren zu den Kleinen schauen. Meine älteste Schwester beklagt sich Heute noch, wir seien Niedfougis (Ungehorsam) gewesen. Wenn ich meine eigene Geschichte lese, kann ich das sogar verstehen. Sie hatte aber viel zu sagen in unserer Familie. Als meine Eltern einen meiner Brüder auf den Namen Nikolaus taufen wollten, wehrte sie sich wehemend dagegen. Mit Erfolg. Nikolaus wird nur als Zweitnamen eingetragen. Meine Schwester hat wohl gesehen, dass das Baby weder einen weissen Bart, noch lange weisse Haare hat.
Gelegendlich müssen auch meine Brüder im Haushalt helfen. Einmal sitzen die beiden ältesten zwei Brüder am Küchentisch und müssen eine menge Kartoffeln schälen. Plötzlich fangen die zwei zu Zangen (Streiten) an. Den beiden fällt nichts besseres ein, als einander um den Küchentisch zu jagen. Und da passiert es. Einer schreit auf. In seinem Oberarm steckt ein Härdepfupschnieder (Kartoffelschneider). Unsere Mutter muss den Arm abbinden um die Blutung zu stoppen. Ich glaube, danach hatte niemand mehr Lust auf Gimu (Kartoffeln).
Der Fernseher hat bei uns erst spät einzuggehalten. Manchmal durften wir zur Grossmutter die Kinderstunde schauen gehen. Ich glaube die Sendung hiess "chum inä, es heist Spielhüs". Später schaffen meine Eltern auch einen Fernseher an. Weil meine Mutter gehört hat, fernsehschauen schade den Augen, wird kurzerhand eine grüne Folie über den Bildschirm gelegt. Während dieser Zeit mussten wir auch Rüeblisaft (Karottensaft) drinken. Ob uns die Mutter mit Hasen verwechselt hat?
Ja, auf die Gesundheit wurde schon wertgelegt. Wir Mädchen mussten eine Zeitlang so kleine rote Pillen nehmen. Ich glaube die sollten gegen unsere Bibeli (Pickel) helfen. Irgendwann brachte eine von uns die Pillen nicht mehr runter. Kurze Zeit später durften wir alle damit aufhören. Mir sind nie mehr so rote kleine Pillen begegnet. Was das wohl war.
Einer meiner jüngeren Brüger hat eine besondere Gabe. Er balanciert gerne wie ein Seiltänzer auf Mauern herum. Im Gegensatz zu meinem Bruder, braucht ein Seiltänzer seine Arme zum ausbalacieren oder einen Sturz abzufeder. Bei meinem Bruder hingegen bleiben die Hände im Hosensack. Deswegen hat er sich schon 6 Löcher in den Kopf geschlagen. Einige mussten sogar genäht werden. Aber, sind 6 genug? Eines Tages blödeln mein Bruder und ich herum. Er steigt auf das Fenstersims beim Gang. Das Fenster ist etwa 1.50 m vom Boden entfernt. Darunter ist ein Garten mit 2 - 3 Ziersteinen. Ich schliesse das Fenster und mein Bruder stürzt ab. Wisst ihr wo er landet? Auf einem der wenigen Ziersteine. Das siebte Loch ist perfekt. Büderchen, wann lernst du endlich die Arme zu benutzen?
Wir gehen nicht gerne zum Zahnarzt. Dort muss man den Mund weit aufmachen. Das will dem Bruder mit den vielen Löchern im Kopf nicht rechtgelingen. Vielleicht weiss ich warum. Ich habe ihm einmal beim Herumtoben den Kiefer ausgehängt. Meiner ältesten Schwester blieb damals nichts anderes übrig, als ihm einen weiteren Schlag zu versetzen, um den Kiefer wieder einzurenken. Warum hast du dich nicht verteidigt? Waren deine Hände etwa wieder im Hosensack?
Auch bei uns gab es Regeln und Verbote. Das war bei unserer Familie nicht anders. Wer sich nicht daran hielt wurde bestraft. Eines der Verbote ist, wir dürfen nicht auf allen Natursteinmauern, welche unser Anwesen umschliessen, herumlaufen. Es besteht die Gefahr, dass Steine ins Gras fallen und beim mähen die Maschienen beschädigen. Mein Vater hat mich einmal auf der Mauer erwischt und ich muss am Abend zur Strafe antreten. Meine Mutter macht sich im Zimmer bereit für die Kirche. Ich bitte sie, nicht zum Vater gehen zu müssen. Sie will nichts davon hören und ich muss in die Stube. Dort sitzt mein Vater auf dem Kanabe (Sofa) und wartet auf mich. Er legt mich kurz über seine Knie und versetzt mir einen Klaps. Wer nicht hören will, muss fühlen. Ätsch, hat nicht weh getan.
Der Samstag ist ein besonderer Tag. Es wird geputzt. In der
Küche steht eine Bank. Darauf werden all unsere Schuhe, nach Farben getrennt, aufgestellt.
Nun geht das Geschrei los: Ich putze die blauen, ich die braunen und ich die
schwarzen Schuhe. Wir versuchen die Farbe zu ergattern mit den wenigsten
Schuhen. In der Stube muss der Parkettboden mit dem Blocher auf Hochglanz gebracht werden. Einer schiebt den
Blocher, ein anderer sitzt darauf. Wenn wir nicht aufpassen, kann es vorkommen,
dass wir uns die Oberschenkel am Blocher einklemmen. Spass macht es trotzdem. Inzwischen
läuten im Radio die Kirchenglocken, es riecht nach Bienenwachs vom Boden und
aus der Küche strömt der Duft nach Frischgebackenem.
Einmal die Woche müssen wir Baden. Ein Eisenzuber fungiert
als Badewanne. Das gleiche Badewasser wird von mehr als nur einem Kind benutzt.
Geschadet hat uns das jedenfalls nicht. Um uns die Ohren zu putzen verwendet
unsere Mutter den hinteren Teil einer Sicherheitsgufä (Sicherheitsnadel). Wattestäbchen gibt es bei uns nicht.
Jeweils am Montagmorgen ziehen wir uns in der Stube an. Für
jedes Kind liegt frische Wäsche zum anziehen auf dem Tisch. Wir Mädchen tragen
alle einen Rock und darüber eine Schürze. Unsere langen Haare werden streng
nach hinten gekämmt und mit einem Bia (Gummiband)
zu einem Rossschwanz gebunden.
Bei einer meiner Schwestern sind die Säcke ihrer Schürze immer vollgestopft. Wisst ihr, was sie dort drin hat. Äpfel, viele, viele Äpfel. Diese verteilt sie in den Schulpausen an uns Geschwister. Sie hat immer Angst, wir hätten Hunger. Das ist lieb von dir Schwesterchen. Aber irgendwann hangen uns deine verschrumpelten Äpfel zu den Ohren hinaus. Sorry
Da wir so viele Kinder sind, haben wir keine Einzelzimmer. Drei Mädels teilen sich ein Zimmer. Eines Abends ist eine meiner Schwester noch nicht im Zimmer. Da kommt die älteste Schwester, welche das Nebenzimmer bewohnt zu uns ins Zimmer. Sie sagt zu uns, wir sollen das Licht löschen, Sie wolle die andere Schwester erschrecken. Also löschen wir das Licht. Die Schwester kommt ins Zimmer und legt sich ins Bett. Plötzlich meint sie, irgend etwas sei unter ihrem Bett. Wir tun, als wenn wir nichts wüssten. Zwei- drei- mal wiederholt sich dies. Beim 4. mal erschrickt sie so stark, dass wir das Licht anschalten müssen. Meine Schwester sitzt aufrecht im Bett mit einem Apfel in der Hand. Nun klettert die Missetäterin unter dem Bett hervor. Sie hat immer wieder am Bett meiner Schwester gerüttelt. Sorry, das war nicht nett von uns. Was wohl aus dem Apfel geworden ist?
Unsere Wände im Schlafzimmer sind mit Holz verkleidet. Vom Holz sieht man mittlerweile aber nicht mehr viel. Es hängen überall Poster von Superstars wie Jmmi Hendrix, Bob Dylan, Sweet, Slade usw. an den Wänden. Das restliche Täfer verschönert meine kreativste Schwester mit ihren Zeichnungen. Unsere Eltern sind wenig begeistert. EinesTages kommt dieser Schwester in den Sinn die Bettgestelle bei unseren Betten zu entfernen. Von nun an schlafen wir mit den Matrazen auf dem Boden. Schwester, hattest du Angst, es könnte sich wieder jemand unter deinem Bett verstecken? Leider hat am Boden schlafen andere Nachteile. Nun können uns unsere Haustiere die Mäuse besser beim Schlafen beobachten. Und vor diesen habe ich Angst.
Auf unserem Hof sind einige Tiere zu Hause. Kühe, Rinder, Kälber, Schweine, Hühner, Hasen, Hunde, Katzen und eben Mäuse. In all den Jahren hatten wir verschiedene Hunderassen. Die Hunde werden jeweils für die Bewachung des Hofes eingesetzt. Ich hatte früher Angst vor den einten (manchen) Hunden. Einmal erkannte ein Wachhund meine jüngere Schwester nicht. Er beisst ihr voll in den Oberschenkel. Ich, als die ältere Schwester, hätte dich beschützen müssen. Entschuldige, dass ich ein solcher Feigling war.
Meine Eltern finden irgendwann, dass ich zu dünn bin. In der
Schule rufen mir Schüler schon „Knochengerüst“ hinterher. Von nun an werde ich
vier Sommer lang zu einer Tante nach Lungern in die Ferien geschickt. Sie ist
dort bei einer Holzbildhauerfamilie als Magd angestellt. Ich bin gerne dort. Hier
esse ich zum erstenmal Fisch, lerne Ruderboot fahren und Schwimmen. Manchmal
darf ich beim lasieren der geschnitzten Holzfiguren helfen. Ich mag den Geruch
von Holz und Lasur.
Ich bin keine gute Erstklässlerin. Meine Lehrerin ist eine
Klosterfrau. Beim abfragen des 1x1 müssen wir neben ihrem Pult stehen und sie
schaut mit der Stoppuhr wer es am besten kann. Am Schluss müssen wir uns in eine Reihe
stellen. Zuvorderst der beste, zuhinterst der schwächste. Ich habe abwechselnd
mit zwei Jungs am Schwanz gestanden. Übrigens, einer der Jungs ist heute
Landrat. Da ich lauter 1 + 1-2 im Zeugnis habe (6 ist das Beste) werde ich von
einer Schulpsychologin abgeklärt. Ich mache alles richtig bis meine
Klassenlehrerin den Raum betritt. Ich kann mich kaum mehr konzentrieren und
kann fast keine Aufgabe mehr richtig lösen. Ich rede nur noch dummes Zeug.
Später wird meinen Eltern mitgeteilt, dass es besser für mich sei, die Klasse
zu wiederholen. Ich bekomme eine andere Klassenlehrerin. Sie ist ebenfalls eine
Klosterfrau. An Sr.Consilia Harder erinnere ich mich immer wieder gerne. Mit
ihr habe ich die 1. Klasse mit Pravour gemeistert. Keine Note unter einer 5.
Kann sich ein Kind in einem Jahr so steigern? War das Potenzial schon immer da?
Brauchte es womöglich nur die richtige Bezugsperson? Wer weiss.
Die weiteren Klassen meistere ich ganz gut. Die Aufnahmeprüfung
in die Sekundarschule bestehe ich allerdings nicht. Besuche ich eben 2 Jahr die
Realschule. Danach absolviere ich eine Handelsschule. Ich bin nicht gerade die
beste Schülerin, schaffe den Abschluss aber trotzdem.
Während diesem Jahr lerne
ich meinen Freund Piet kennen. Kurz vor dem Schulabschluss werde ich Schwanger.
17 Jahre und schwanger. Was nun? Alle
meine Bewerbungen für eine Arbeitsstelle werden abgelehnt. Meine Eltern müssen
mich unweigerlich unterstützen. Wegen Konkurs der Firma hat mein Freund seine
Arbeitsstelle verloren und muss ohne Lohnersatz die RS besuchen. Während der
ganzen Schwangerschaft ist mein Freund für mich da.
An einem Samstag, wie ich übrigens auch, kommt mein Sohn
Peter zur Welt. Wir sind alle überglücklich.
Nun muss ich endlich Geld verdienen. Ich arbeite nun im
Schichtbetrieb in der DAG. Da ich noch bei meinen Eltern wohne, wird Peter
während meiner Arbeit von meiner Mutter gegaumt (gehütet).
1 ½ Jahre später heirate ich meinen Freund. Wir beziehen
unsere erste eigene Wohnung. Nun sind wir eine richtige Familie. 1x in der
Woche gehe ich in einem fremden Haushalt putzen. An diesem Tag wird Peter
mal von der einen, mal von der andern Grossmutter betreut.
1985 übernehmen wir das ca. 100 jährige Elternhaus von Piet.
Nun wird jahrelang Renoviert. Etappenweise, wie das Geld eben reicht. Wir
machen fast alles selber. Geschwister und Eltern helfen gelegentlich mit. Wir
Mädels sind uns nicht zu schade mit dem Vorschlaghammer den alten Putz
abzuschlagen. Nur, am nächsten Tag tun uns die Arme weh. Es ist eine schöne
Zeit in der wir zusammen Arbeiten.
Als Peter in den Kindergarten kommt, übernehme ich die
Tagesbetreuung von Simon, meinem Göttibüeb. Als er ebenfalls nach 6 Jahren in
den Chinsgi (Kindergarten) muss, beginne ich aushilfsweise in einem Lebensmittelgeschäft
zu arbeiten.
Später wechsle ich in eine andere Firma. Haushaltsartikel zu verkaufen
liegt mir im Blut. Ich darf mich Intern weiterbilden. Mir fallen die
Ausbildungen nicht leicht. Ich muss viel mehr Zeit in ein Thema investieren als
andere. Dank der Unterstützung meines Mannes und meines Sohnes bringe ich
Familie, Haushalt und Beruf unter einen Hut.
Meine sportlichen Aktivitäten muss
ich aber leider aufgeben. Ich habe immer gern Sport betrieben. Sei es
Ausdauerlauf, Volleyball, als J&S-Leiterin oder als Vorturnerin bei der
Damenriege. Zeitweise stand ich 3x die Woche in der Halle.
Mittlerweile arbeite
ich 100%. Bin Abteilungsleiterin, betreue an die 16 Mitar-beiterInnen und bin die
Stellvertretung des Direktors.
Ich mag meinen Job, mit allen Hoch und Tiefs. Trotzdem werde
ich meinen Job, in den ich so viel investiert habe, aufgeben müssen.
Meine Geschichte 2001-2009
Ich arbeite nun schon viele Jahre bei der gleichen
Firma.
Inzwischen bin ich Leiterin von div. Abteilungen. Der Job macht mir
grossen
Spass. Die hälfte der Zeit verbringe ich mit Büroarbeit. In der anderen
Hälfte,
unterstütze ich mein Team auf der Verkaufsfläche. Manchmal sind die
Arbeitstage
lang. Dank meiner guten Körperlichen Verfassung und der Unterstützung
meiner
Familie, bewältige ich Familie, Haushalt und Job recht gut. Habe bis
jetzt in meiner
Joblaufbahn nur 3 Tagen wegen einer starken Erkältung gefehlt.
Anfang 2001 bemerkte ich erstmals eine Schwäche in der
Hand.
Im Haushalt und auch am Arbeitsplatz habe ich manchmal Mühe, Gegenstände
richtig zu fassen und hochzuheben.
Irgendwie kann ich einfach meine linke Hand nicht mehr
kraftvoll schliessen. Als es mir eines Mittags nicht mehr gelingt, eine
Pfanne
mit einer Hand zu heben, raten mir mein Mann Piet und Sohn Peter, einen
Arzt
aufzusuchen.
Es ist inzwischen März. Ich bin beim Hausarzt und es
werden
Röntgenbilder von meiner Hand gemacht. Mittlerweile weiss ich, dass das
schon der
Beginn des Ausschlussverfahrens ist. Da nichts Auffälliges zu sehen ist,
nimmt
mein Arzt Kontakt mit einem Neurologen in Luzern auf. Auf Anweisung des
Neurologen muss ich im Kantonsspital Schwyz in die „Röhre“. Dort wird
mein Kopf
geröntgt.
Später habe ich einen Termin
in Luzern beim Neurologen. Er erklärt mir, dass auf einem Bild etwas
sei, das
sie nicht deuten könnten.
Daher, neuer Termin und diesmal in eine andere Röhre in
Luzern. Danach informiert mich der Neurologe, dass weitere
Untersuchungen nötig
seien. Zwischen den Terminen arbeite ich immer noch voll. Es geht mir
ja, bis
auf die Kraftlosigkeit in der Hand gut.
Beim nächsten Termin werden mittels eines Hammers die
Reflexe kontrolliert und mit einer Nadel wird Rückenmarkflüssigkeit für
eine
Untersuchung gezogen. Nun kommt das Speziellste. Mir werden viele Nadeln
in den
Kopf gesteckt, genau nach einem Schema. Die Nadeln sind mittels Kabeln
mit
einem Aufzeichnungsgerät verbunden. Mit dieser Methode wird die
Leitfähigkeit der
Nerven gemessen. Nerven geben Befehle an die Muskeln weiter, sich zu
bewegen.
Nun müssen diese Tests bis zum nächsten Termin ausgewertet werden.
Während all
dieser Zeit hoffe ich, dass es nur kein Hirntumor ist.
An einem Tag im August 01 sitze ich meinem Neurologen
gegenüber und bin gespannt was die Tests ergeben haben. Nach einigen
Informationen sagt mir mein Neurologe unter anderem auch, dass es sich
nicht um
einen Tumor handle. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Nichts ahnend was
jetzt
folgen wird. Mein Neurologe sagt mir, dass ich an ALS erkrankt bin. Er
klärt
mich über diese schreckliche Krankheit auf. Erwähnt auch die verkürzte
Lebenser-wartung und das es keine Heilung gibt. Ein Medikament stehe zur
Verfügung, welches die Krankheit um ca.
3 Monate verzögern könnte. Ich lehne dankend ab und werde bis zum
nächsten
Termin entlassen.
Ich habe bis jetzt die Arzttermine immer alleine
besucht,
ich wollte es so. Piet, mein Mann wartet draussen im Auto. Ich verlasse
das
Krankenhaus sehr gelassen. Aber, als Piet mich fragt was nun sei,
realisiere
ich langsam was mir eben mitgeteilt wurde. Ich breche in Tränen aus.
Meine
Gedanken, ich werde sterben, keine Zukunft mit meinem Mann, keine
Zukunft mit
meinem Sohn. Sicher, jeder muss einmal sterben. Aber die wenigsten
wissen wann.
Ich weiss aber, dass es bei mir wahrscheinlich innerhalb der nächsten 10
Jahre
sein wird. He, ich bin 39 Jahre alt. Ich glaube, dass ist schon noch
speziell.
Piet und ich suchen ein ruhiges Kaffee auf und setzen uns in
eine abgeschirmte Ecke. Nun kann ich Piet genauer Informieren. Es ist
hart, dem
geliebten Menschen zu sagen, dass aus den gemeinsamen Zukunftsplänen
nichts
wird. Durch das Gespräch mit Piet, schöpfe ich wieder Mut. Er sagt wir,
werden
das gemeinsam schaffen. So ist mein Mann. Er hat in allen Lebenslagen zu
mir
gehalten. Piet, ich liebe dich.
Wir beschliessen, momentan noch niemanden darüber zu
informieren. Nicht mal unseren Sohn. Ich möchte ihn momentan noch nicht
damit
belasten.
Zwischenzeitlich wechsle ich den Neurologen. Er leitet
in St.Gallen
die heutige ALS Klinik. Alle drei Monate wird dort mein
Krankheitsverlauf
überprüft. Dort beteilige ich mich auch an einer Medikamentenstudie.
Ausserdem
nehme ich das Medikament Rilutek ein, welches den Krankheitsverlauf ein
wenig
herauszögert.
Ich finde, jetzt wird es Zeit meinen Sohn zu
informieren.
Wisst ihr eigentlich wie weh das tut, dem eigenen Kind sagen zu müssen,
ich
werde an deinem Leben nicht mehr lange teilnehmen können. In Gedanken:
Vielleicht werde ich nicht erleben wie er Heiratet, oder wie meine
Enkelkinder
zur Welt kommen. Aber eins weiss ich. Mein Sohn wird ein vorbildlicher
Vater sein
und mein Mann ein geduldiger Grossdädi.
Zum Glück habe ich meinen Sohn schon mit 18 Jahren bekommen.
Daher muss ich mir um ihn keine Sorgen machen.
Ich arbeite weiterhin 100% weiter. Da meine Schwäche im
Arm mittlerweile
am Arbeitsplatz auffällt, sehe ich mich
gezwungen die Direktion über meine Krankheit zu informieren. Wir
beschliessen,
dass ich solange es geht, weiter mein 100% Pensum arbeite. Mein Team
wird
vorerst noch nicht informiert. Der Grund: Wenn ich meine Mitarbeiter
informiere
muss ich auch mein privates Umfeld über meinen Zustand in Kenntnis
setzen. Ich
will meine Geschwister nicht unnötig belasten. Sie haben genug eigene
Sorgen.
Aber vor allem geht es mir um meine Eltern. Sie sind nicht mehr die
Jüngsten.
Sie haben 9 Kinder grossgezogen, alle sind mehr oder weniger Gesund. Ich
werde
meine Krankheit so lange wie möglich vor ihnen Geheim halten.
Ich habe mich früh entschlossen, mich der Krankheit zu
stellen. Im Internet lese ich viele Artikel über ALS. Dort stosse ich in
einem
Forum auf einen ALS – Betroffenen. Walti hat die ALS – Diagnose im
gleichen Monat
und im gleichen Jahr wie ich erhalten. Ich lernen ihn Persönlich
kennen. Walti und seine Frau geben uns wertvolle Tipps.
Walti,
wo immer du jetzt auch bist, ich denke oft an dich. + 2009
Piet und ich besuchen alle 3 Monate eine ALS -
Selbsthilfegruppe
in Zürich. Die Gruppe wird von der SGMK betreut. Wir treffen dort ALS -
Betroffene
welche sich in unterschiedlichen Stadien befinden. Die einen können
nicht mehr
sprechen. Sie verständigen sich mit einer Buchstaben – Zeigetafel, oder
einem Kommunikations-gerät. Einige können die Arme nicht mehr bewegen,
andere sitzen
im Rollstuhl. Es gibt Teilnehmer die eine Magensonde haben, weil sie
nicht mehr
richtig Trinken und Essen können. Manche haben einen
Bauchdeckenkatheter.
Nicht etwa
weil sie das Wasser nicht mehr halten können, sondern weil der mehrmals
tägliche Transfer auf die Toilette zu anstrengend ist. Am Anfang macht
es mir
schon zu schaffen, zu sehen, was mich ebenfalls erwartet. Ich habe mir
aber
gesagt, ich will die ganze brutale Wahrheit sehen um danach wieder
Leben zu
können. Es ist schwierig den Sinn dahinter zu verstehen, ich hoffe man
versteht
was ich meine. Es ist für meinen Mann nicht immer leicht mich an die
Treffen zu
begleiten. Bei jedem Treffen sehen wir, dass bei einigen Betroffenen
die ALS
wieder weiter fortgeschritten ist. Wir werden in der Gruppe zu
Freunden. Es tut
darum auch besonders weh, wenn wieder ein lieber Freund den Kampf gegen
die
Krankheit verloren hat. Aber weisch Liebä
Gott, einisch wott ich de scho nu vo dier wissä was dr hindert steckt.
Dü gisch
miär nämlich nu hiendä Rätsel üf.
Ich schaffe immer noch mein 100% Pensum. Ich kann einer
meiner
Schwestern sogar noch helfen im neuen Haus die Räume zu streichen.
Irgendwie
kann ich meine Krankheit immer noch vor meiner Familie verbergen.
Inzwischen ist es Frühling 02 geworden. Für mich und
Piet
heisst dass, wir können den Harley aus der Garage holen und zusammen
wieder
Touren unternehmen. Wir lieben es über Pässe zu fahren. Uns geht es
nicht darum
möglichst schnell und möglichst viele Pässe an einem Tag zu befahren.
Wir
geniessen die wunderschöne Natur mit den verschiedenen Gerüchen, wenn
wir durch
Wiesen und Wälder fahren. Das richtige Feeling erlebst du nur auf einer
Harley.
Was macht einen richtigen Harleyfahrer aus? Er macht den Ölwechsel noch
selber. Auch kleinere Reparaturen
oder Umbauten werden selber gemacht. Piet hat schon ganze Motoren
auseinander
genommen und revidiert. Eine Harley zu fahren ist eben eine Philosophie.
Die
älteren Easy Rider wissen was ich meine. Ich wollte 2001 die schwere
Töffprüfung
machen, damit ich auch selber fahren kann. Der Harley stand schon zu
Hause.
Aber eben, sollte wohl nicht sein. Es ist auch schön, mich an Piet
festzuhalten.
Ich liebe es im Sommer beim Heuen mitzuhelfen. Wisst
ihr wie
frisch geschnittenes Gras riecht und wie es dann als Heu riecht. Das ist
unbeschreiblich. Das ist Natur. Wenn ich dies rieche, geht bei mir das
Herz
auf. Das ist Heimat. Bitte macht es möglich, das diese kleinen
Bauernbetriebe
nicht verschwinden. Unterstützt die einheimischen Produkte.
Im Herbst 02 muss ich wegen fortschreiten der Krankheit
mein
Arbeitspensum auf 70 % reduzieren. Nun
ist es an der Zeit, mein privates Umfeld und mein Team über meinen
Zustand zu
informieren. Keine leichte Aufgabe es
meinen Eltern und meinen Geschwistern zu sagen. Der Eine oder Andere hat
schon früher
vermutet, dass etwas nicht stimmt. Ich habe auch nicht gleich bei der
ersten
Info das ganze Ausmass meiner Krankheit mitgeteilt. Ich konnte schlecht
mitteilen, dass meine Lebenserwartung einige Monate oder Jahre sein
werden.
Mittlerweise scheint es so, dass ich einen langsamen Verlauf habe. Judihui!!
Anfang Dezember besuche ich mit Piet einen
Harleyhändler.
Wir stärken uns an der Bar mit einem Kaffee. Als wir fertig getrunken
haben und
ich vom hohen Barhocker steigen will, kippt der Hocker samt mir um. Da
ich
meine Arme und Beine krankheitsbedingt zu wenig schnell bewegen kann,
klatsche
ich flach, mit dem Gesicht nach unten, auf den Riffelblechboden. Ich
spüre
zuerst gar nichts. Erst als mich Piet und der Händler hochheben wird mir
miserabel schlecht. Sie legen mich auf ein Sofa und die Besitzerin
verabreicht
mir Notfalltropfen. Ihr könnt jetzt denken was ihr wollt, aber sie haben
gewirkt. Ich bin wieder da. Nur, jetzt kommen die Schmerzen. Ich blute
am Kinn
und auf den Jeans am Knie bilden sich Blutflecken. Der Händler sagt zu
mir er
müsse die Jeans zerreissen um zu sehen was los sei.
Ja, de
halt, sind ja nur meine Lieblingsjeans. Wisst ihr Männer eigentlich,
wie lange es dauert, bis wir Frauen eine Hose finden die uns perfekt
passt. Ich
glaube das können nur Frauen verstehen.
Nun kommt Bewegung in mein linkes Handgelenk. Ich habe
grosse Schmerzen. Es wird mir wieder schwarz vor den Augen. Die
Notfalltropfen
müssen wieder helfen. Inzwischen wird die Notfallklinik informiert und
ich
werde dort hingebracht. Bei der Untersuchung stellt sich heraus, dass
das Knie
verbunden und die Schnatte am Kinn genäht werden muss. Ein Knochen am
Handgelenk ist angerissen. Er müsste Eingegipst werden. Jeder weiss,
dass sich
die Muskeln unter einem Gips zurückbilden. Da ich bei meiner Krankheit
keine Muskeln
mehr aufbauen kann, frage ich nach einer anderen Möglichkeit. Wir
entscheiden
uns für eine Handschiene. Ich werde Krankgeschrieben und nach Hause
entlassen.
Nach 3 Tagen beginne ich wieder zu arbeiten. Ich muss.
Wir
stecken Mitten im Weihnachtsstress und ich kann keine weiteren
Mitarbeiterstunden investieren. Die Statistik der eingesetzten Stunden
genüber dem Umsatz würde Ende Jahr negativ ausfallen. Das diese, so bald
die Versicherung bezahlt, wieder bereinigt würde, versteht
mein Direktor anscheinend nicht. Es zwingt mich niemand zur Arbeit. Ich
fühle
mich einfach verantwortlich, dass der Karren (Geschäft) reibungslos
weiter läuft.
Anfang 2003 habe ich ein Gespräch mit dem Direktor. Er
findet, dass ich mit meinem 70 % Pensum meine Arbeitsbereiche nicht mehr
bewältigen kann. Ja, da gebe ich ihnen recht lieber Chef. Würden Sie uns
Abteilungsleitern gewisse Arbeiten abnehmen, könnte ich es vielleicht
noch eine
Zeitlang schaffen. Vielleicht könnte man sogar die IV um Rat fragen.
Wo
keinWille, da kein Weg oder so.
Ich gebe auf. Ich
habe einen andern
Kampf zu kämpfen. Zum Glück hat die Firma eine gute Sozialversicherung.
Wenigstens werde ich gut abgesichert.
Im Februar machen wir Skiferien in Laax. Ich werde
schnell
Müde beim Fahren. Zum Glück muss ich meine Skier nicht selber tragen.
Piet
trägt diese für mich. Wir wissen schon, dass dies die letzten Skiferien
sind
die wir gemeinsam erleben werden. Aber wisst ihr, wir lassen uns doch
nicht den
Spass nehmen und die paar Stufen in die Silberkugel schaffen wir auch
noch.
Piet, wie hiess noch mal unser(e) Drink?
Hicks
Ende April ist mein letzter Arbeitstag. Es fällt mir
sehr
schwer Abschied zu nehmen. Muss ich wirklich gehen. Ich liebe meinen Job
doch
so sehr. Ich habe so viel dafür auf mich genommen. Ich verlasse das
Geschäft
und nun kommt der Gedanke, die Krankheit hat mich eingeholt. Ich breche
vor dem
Geschäft in einen Weinkrampf aus. Piet, der vor dem Geschäft auf mich
wartet,
packt mich und setzt mich ins Auto. Wie immer weiss er wie er mich
beruhigen
kann. Das wars also in der Arbeitswelt.
Mittlerweilen fällt mir das Treppensteigen immer
schwerer.
Ich schaffe mir einen Rollator an, um Stürze zu vermeiden. Einmal laufe
ich mit
einer meiner Schwestern bei mir zu Hause einen kleinen Abhang hinauf.
Plötzlich
verliere ich das Gleichgewicht. Ich falle flach nach Hinten auf den
Hinterkopf.
Weil meine Nerven, bedingt durch die Krankheit, die Befehle an die
Muskeln nur
verzögert weitergeben, kann ich das Gleichgewicht zu wenig schnell
wieder
herstellen. Zum Glück kommt Piet gerade von der Arbeit und hilft mir
beim
Aufstehen. Meine Schwester hätte das nicht geschafft. Meistens gehen
solche
Stürze zum Glück glimpflich aus.
Mir fällt es auch immer schwerer lange Strecken zu
gehen.
Ein Handrollstuhl muss her.
Beim Mittagessen ermüdet mein Arm sehr schnell. Nach den
ersten Zwei – Drei Löffeln muss mir Piet oder Peter das Essen eingeben.
Wir
können nicht warten bis sich mein Arm wieder erholt hat. Piet und Peter
müssen
schliesslich nach dem Mittag wieder zur Arbeit.
Im Herbst wird es immer schwieriger, mich auf die
Harley zu
hieven. Wenn ich dann aber oben Sitze, verschwende ich keinen Gedanken
an meine
Behinderung. Ich blühe auf. Ich rieche die Natur und ich fühle mich
unendlich
frei.
Ich vermisse meine Unabhängigkeit. Ich bin zu sehr ans
Haus
gebunden. Deshalb beantragt mein Ergotherapeut einen Elektrorollstuhl
für mich.
Dieser wird im April 04 geliefert. Ich bin froh, dass ich mich für die
Hilfsmittelbe-schaffung an einen Ergotherapeuten gewand habe. Er erledigt
den
ganzen Papierkram an die Behörden. Ich muss mich um nichts kümmern.
Leider
verlässt er später den Kanton. Ich habe keinen gleichwertigen Ersatz
mehr
gefunden. Darum kümmern mein Mann und ich uns wieder selber um die
Hilfsmittel.
Damit unser Haus rollstuhltauglich ist, muss umgebaut
werden. Türschwellen müssen entfernt werden. Teppiche werden durch
Laminat
ersetzt. Das Badezimmer wird Behinderten gerecht umgebaut. Im
Aussenbereich
wurden Rampen befestigt, dass ich rings um das Haus fahren kann. Ihr
könnt euch
nicht vorstellen, wie viele Arbeitsstunden Piet und Peter aufgewendet
haben. Klar,
wir hätten die Arbeiten vergeben können und die Rechnungen der IV
schicken. Ich
bin froh, dass mich die IV bei der Hilfsmittelfinanzierung unterstützt.
Mittlerweile kann ich mich nicht mehr selber An- und
Abziehen. Kann mich nicht mehr selber Waschen oder auf die Toilette
gehen. Von
nun an kommt unter der Woche die Spitex am Morgen vorbei. Sie nimmt mich
auf,
macht mit mir die Morgentoilette und verabreicht mir das Morgenessen. Am
Anfang
brauche ich Überwindung mich von fremden Personen überall anfassen zu
lassen.
Inzwischen macht mir das nichts mehr aus. Schade ist, dass manchmal zu
viele
verschiedene Mitarbeiter vorbeikommen. Ich finde 4 - 5 Mitarbeiter
wären da ideal. Besonders
wenn man sich nicht mehr richtig artikulieren kann, ist es für uns
mühsam, wenn
viel Wechsel ist. Bei mir ist die Einsatzplanung Zurzeit ganz gut.
Sollte doch
mal jemand vorbeikommen, der schon länger nicht mehr bei mir war, habe
ich
Vorgesorgt. Ich habe meinen eigenen Pflegeplan erstellt. Ich habe den
Ablauf
meiner Pflege, Schritt für Schritt, auf einem Blatt aufgeführt. Viele
der
Spitex-Mitarbeiterinnen sind inzwischen zu meinen Freunden geworden. Ihr
seid
toll. Einige Tipps an meine Mitmenschen: Möglichst Fragen
stellen, die ich mit ja oder nein beantworten kann. Im Notfall kann ich
nicken
oder mit den Augen blinzeln.
Unterbrecht mich nicht beim Antwort geben. Gebt mir Zeit zum
Antworten. Auch wenn ich selber nicht laut sprechen kann, hören kann ich
gut.
Ihr müsst deshalb nicht langsamer oder lauter sprechen. Ich kann bis zum
Schluss alles normal wahrnehmen. Habt keine Hemmungen mich
anzusprechen.Wenn ihr etwas nicht versteht, dann fragt ruhig
nach. Wie ihr sicher bemerkt habt, bin ich ein sehr offener
Mensch.
Wenn es die Spitex nicht geben würde, müsste ich in ein
Pflegeheim gehen. In unserem Kanton würde das bedeuten, ich wäre den
ganzen Tag
mit vielen älteren Menschen zusammen. Ich unterhalte mich gerne mit
älteren Personen.
Besonders interessant sind deren Geschichten von Früher. Die Interessen
wären aber
wahrscheinlich doch zu unterschiedlich gelagert. Für meine Psyche wäre
das auch
nicht förderlich. Ausserdem sind solche Heime sackteuer. Kann mir mal
jemand
sagen, warum ein solches Heim über 8000 Fr. kostet. Das ist für mich
nicht
nachvollziehbar.
Piet und ich absolvieren ein Care-Training.
Organisiert wird
es von der SGMK in Zusammenarbeit mit dem Muskelzentrum / ALS clinic St.
Gallen.
Es gibt 5 verschiedene Module. Die Themen sind: Bewegen, Atmen,
Ernährung,
Pflege zu Hause und Zeit zuletzt.
Ich kann den Besuch nur empfehlen. Piet und ich erhielten
dort viele Tipps und wertvolle Unterstützung. Es ist ein kleines
Leiterteam.
Sie haben nur ein kleines Budget zur Verfügung. Zum Teil wird
Ehrenamtlich
gearbeitet. Alles nur, weil wir ALS-Betroffenen ihnen am Herzen liegen
und wir
keine Lobby haben.
Ich bin in meinen Bewegungen immer mehr eingeschränkt.
Nachts muss mich Piet 2-3-mal im Bett drehen. Ich kann es nicht mehr
selber. Piet
braucht aber seinen Schlaf auch. Er hat neben meiner Betreuung noch
seinen 100%
Job zu bewältigen. Wir erwerben eine Wechseldruckmatratze. Von nun an
können
wir beide wieder durchschlafen. Es ist bis heute so geblieben.
Um Piet weiter zu entlasten, engagieren wir eine
Haushalthilfe. Sie kommt einen halben Tag in der Woche und reinigt das
Haus. Dafür
habe ich ebenfalls einen genauen Putzplan erstellt. Zusätzli übernimmt
eine
Schwägerin das bügeln der Wäsche. Alles andere wird von Piet und Peter
erledigt.
Damit meine Gelenke nicht einrosten besucht mich einmal
die
Woche eine Physioterapeutin. Durch das bewegen der Gliedmassen kann das
Blut
auch besser zirkulieren und die Gefahr eine Thrombose wird verringert.
Leider gelingt das nicht immer. Eines Nachts, es ist Januar
07, wache ich auf. Ich habe einen Druck auf der Brust und das atmen
fällt mir schwer.
Piet benachrichtigt den Notarzt. Er untersucht mich kurz und meldet mich
in der
Notfallabteilung im Spital an. Inzwischen ist auch Peter eingetroffen.
Piet
fährt mich selber ins Spital. Während der ganzen fahrt hält Peter meine
Hände.
Meine Lippen sind inzwischen blau angelaufen und das Atmen fällt mir
immer
schwerer. Im Spital bekomme ich eine Infusion, eine Sauerstoffmaske und
mein
Brustkorb wird geröntgt. Ich bekomme nicht alles mit, zeitweise bin ich
anderswo. Später werde ich auf die Intensivstation gebracht.
Angeschlossen an
diversen Geräten schlafe ich ein. Piet hält die ganze Nacht wache. Am
Morgen
erfahre ich, dass ich eine Lungenembolie hatte. Die Ärztin
sagt zu mir, ich
hätte alle Schutzengel vom Urner-Talboden bei mir gehabt. 3 Tage darf
nur Piet
und Peter zu mir. Sorry ihr zwei, ihr habt es nicht leicht mit mir.
Später darf
ich auf die normale Station. Der Auslöser der Embolie war eine Thrombose
im
Bein. Wahrscheinlich wurde es ihr zu langweilig und sie machte sich auf
den Weg
zum Herzen. Leider hat sie zu spät bemerkt, dass das Herz schon besetzt
ist und
verursachte dadurch einen grösseren Stau. War wohl keine gute Idee und
nun bist
du draussen. Seither sorge ich vor. Mein Blut wird nun verdünnt.
Im laufe der Jahre mussten wir einige Hilfsmittel
beschaffen. Einige wurden von der IV übernommen, wenige von der
Krankenkasse
und einige mussten wir selber finanzieren. Seid ihr euch eigentlich
bewusst,
wie sehr Menschen in meiner Situation auf die IV angewiesen sind. Ohne
die
finanzielle Unterstützung der IV und den geeigneten Hilfsmitteln wüsste
ich
nicht wo ich heute wäre. Dank dieser Institution kann ich ein gutes
Leben
führen. Ich danke Allen, die in diese Versicherung einzahlen und mich
dadurch
unterstützen.
Wir mussten uns ein Rollstuhltaugliches Auto
beschaffen. Wir
haben uns für ein älteres bereits umgebautes Auto entschieden. Wir haben
das
selber finanziert. Piet behält sein Auto, denn er braucht eines auf der
Arbeit.
Es macht ja keinen Sinn, wenn er mein Auto benutzt das bedingt durch den
Rollstuhlumbau viel schwerer ist und somit viel mehr Benzin verbraucht.
Und
ausserdem könnte mich niemand anderes mehr zu Terminen fahren. In
vielen Kantonen wird für ein solches Auto nur eine reduzierte Steuer
fällig.
Als ich in meinem Kanton nachfrage, teilt man mir mit, das eine neue
Regelung in Bearbeitung sei.
Wollt ihr wissen was schlussendlich herausgekommen ist. Wenn man ein
Haus
besitzt oder ein gewisses Einkommen erreicht, bekommt man keine
Ermässigung.
Wir haben das zweite Auto nur wegen meiner Behinderung angeschafft.
Ich finde die neue Regelung etwa gar nicht
behindertenfreundlich.
Ich bin nun schon einige Jahre mit dem Rollstuhl auf
Strassen unterwegs. Leider stosse ich immer wieder auf Hindernisse die
nicht
sein müssten. Hier einige Beispiele. 1. Ich fahre auf dem Trottoir,
plötzlich
versperrt mir ein parkiertes Auto den Weg. Ich muss kehren und eine
Trottoirabfahrt suchen um so das Auto umfahren zu können. 2. Ich fahre
auf dem
Trottoir und will mittels Zebrastreifen die Strasse überqueren. In der
mitte
der Strasse sehe ich, dass auf der andern Seite das Trottoir nicht
abgeflacht
ist. Also muss ich mitten auf dem Streifen wenden und wieder retour
fahren. Hoffentlich
fährt noch kein Auto los. 3. Ich komme von einer Nebenstrasse und möchte
nun
bei der Hauptstrasse aufs Trottoir fahren. Auf weiter Flur keine
Auffahrt in
Sicht oder nur eine Rampe die nicht für einen Rollstuhl geeignet ist.
Mir
bleibt nichts anderes übrig als auf der Strasse zu fahren und den
Verkehr zu
behindern. Viele Autofahrer denken dann sicher warum fährt die nicht auf
dem
breiten Trottoir. Ich fühle mich auch nicht wohl dabei. 3. Ich bin
wieder
unterwegs und plötzlich versperrt mir ein Dreieck, das bei
Strassenarbeiten benutzt
wird, den Weg. 4. Manchmal steht eine Portable Ampel so blöde auf dem
Trottoir,
dass ich mit dem Rolli nicht vorbei komme. Also, alles wieder retour. 5.
Kürzlich wurde bei mir in der nähe eine Strasse versetzt. Strasse,
Trottoir und
Zebrastreifen alles gut. Nur wurde das Trottoir beim Zebrastreifen nicht
abgeflacht. Auch wenn die Strasse nur vorübergehend dort bleibt. Ihr
müsst
wissen, ich kann nicht einfach vorübergehend gehen. Ich würde euch den
Gefallen
ja gerne machen, nur leider kann ich das nicht.
Eine Bitte an die Verantwortlichen. Bitte setzt die
Bauverordnungen richtig um.
Mit meinem Elektrorollstuhl unternehme ich viele
Touren. Sehr
gerne fahre ich auf dem Weg der Schweiz. Es ist wunderschön am Seeufer
entlang
zu fahren. Dort begegnen mir viele Seevögel. Ich kann Enten, Gänse,
Schwäne,
Kormorane, Graureiher und noch viele andere Tiere beobachten. Mit
wenigen
Veränderungen könnte dieser Weg noch Rollstuhltauglicher gemacht werden.
Manchmal
nehme ich für einen Teil der Strecke ein Dampf- oder Motorschiff. Das
Personal
ist sehr freundlich und Hilfsbereit.
Nun begleitet mich die ALS schon bald 9 Jahre. Mir geht
es
immer noch sehr gut. Ich kann immer noch herzhaft lachen. Besonders wenn
jemandem ein komisches Missgeschick passiert, oder jemand ä Seich (etwas
Dummes) erzählt kann ich Tränen lachen. Ich würde sehr gerne einmal eine
Vorstellung von Marco Rima besuchen. Er bringt mich so zum Lachen, dass
die
Augen und die Nase anfangen zu laufen und mir der Atem wegbleibt. Ich
nehme
zwar Medikamente die das Lachen ein wenig unterdrücken, doch Rima ist so
ein
Alpenkalb, bei ihm wirken diese nicht. Ich würde ihn gerne als Schweizer
des
Jahres vorschlagen. Jemand, der Menschen so begeistern kann, bringt mehr
als
mancher Politiker.
Wenn man so eine einschneidende Krankheit hat, muss man
sich
auch überlegen, wann der Zeitpunkt erreicht ist und das Leben für einen
nicht
mehr Lebenswert ist. Ich musste mir darüber auch Gedanken machen. Ich
musste
mir überlegen, wieweit die Medizin in mein Leben eingreifen darf.
"Die Fortschritte der
Medizin sind ungeheuer. Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher."
Hermann Kesten
Ich habe darum eine Patientenverfügung
gemacht. Darin steht
genau beschrieben wie weit die Ärzte mein
Leben verlängern dürfen und wann Sie mich gehen lassen müssen. Eine
Patientenverfügung ist verbindlich. Man kann diese aber zu jederzeit
anpassen. Natürlich
habe ich meine Entscheidung mit Piet und Peter besprochen.
Ich mache mir auch Gedanken was nach dem Tod mit mir
passiert. Ich bin mit dem Glauben der Katholischen Kirche aufgewachsen.
Ich
finde der Grundgedanke dieser Religion stimmt. Hingegen weiss ich nicht
ob alle
Überlieferungen richtig sind. Ich nehme mir für mein Leben das heraus,
was für
mich stimmt. Ich habe auch nicht Angst, dass mich Gott deswegen
bestraft. Denn,
der Gott den ich meine, ist lieb zu allen Menschen. Er macht den
Menschen nicht
Angst mit Strafen und der Hölle. Es kann gut sein, dass Gott kein
menschliches Antlitz
hat. Vielleicht ist er das Wasser welches wir täglich trinken, oder die
Luft die wir atmen. Vielleicht ist er der Duft von frischem Heu. Ihr
wisst ja, wie
sehr ich dies liebe. Für mich jedenfalls ist derjenige der grösste, der
diese Natur
erstehen liess. Wer so viel Fantasie hat, solche Farben und Formen
entstehen
zu lassen, der ist für mich Gott. Deshalb will ich, dass meine Asche
später, auch dieser Natur übergeben wird.
Aber wisst ihr, ich habe noch immer einen heiden Spass
am Leben.
Ich lege noch mal 10 Jahre nach. Wenn ihr mein Leben weiter miterleben
wollt,
dann lest bitte im Tagebuch weiter.
"Wohl dem, der das Beste nicht verlor, im Kampf des
Lebens den Humor." Wilhelm Busch