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​Oktober 18

1. Eigentlich wäre ich heute Morgen am liebsten im warmen Bett geblieben. Die nebelverhangenen Berge und die kühlen Temperaturen, haben meine Lust aufzustehen, etwas gebremst. Ich muss mich zuerst mal wieder an die neue Jahreszeit gewöhnen. Ich weiss um die Schönheit des Herbstes. Die warmen Farben der Blätter und die immer noch wunderschön blühenden Blumen, inspirieren mich zum Malen. Es lohnt sich also immer, aufzustehen.
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Ich mag Blumen sehr. Am liebsten mag ich jene,
welche am Wegesrande stehen.
Darum pflücke sie nicht und lasse sie stehen.

10. Wie soll ich wieder mit Schreiben beginnen? Mit dem Wetter, wie bei einer unverfänglichen Konversation? Ich schaue nämlich gerade den Wolken zu, wie sie sich aufbauschen und wieder zusammenfallen. Gleichzeitig werden sie vom Luftzug des Föhns über den Himmel gejagt. Da die Sonne den Wolken nicht ausweichen kann, findet ein steter Wechsel von Licht und Schatten statt. Spannend für mich ist es, den Möwen zuzuschauen, wie sie im Flug gegen den Föhn ankämpfen. Hinter der Fensterscheibe lässt sich das alles wind frei beobachten. Ich kann nicht nach Draussen. Die durch den Föhn verursachten Staubpartikel in der Luft, lassen meine Augen tränen und hindern mich daran, im Garten zu sitzen. Dies gibt mir Gelegenheit, wieder mal ein paar Zeilen in mein TGB zu schreiben.
Nicht nur die schönen Herbsttage haben mich vom Schreiben abgehalten. Ich war wiedermal selbstverschuldet, leicht überlastet. Also musste ich Prioritäten setzen und das TGB Schreiben viel der Unwichtigkeit zum Opfer. Besuche bei ALS-Betroffenen sind mir wichtig. Durch diese Kontakte und durch die Gespräche, erfahre ich oft, wo der Schuh drückt. Manchmal kann ich ein wenig helfen oder etwas in die Wege leiten. Aber meistens muss einfach mein Besuch reichen. Zwischendurch finden ALS-Betroffene auch den Weg zu mir. Dies geniesse ich dann auch sehr. Manchmal treffen wir uns auch zu einem Ausflug. Die Kontakte in schriftlicher Form, nehmen durch meine zunehmenden Schreibbehinderung, vermehrt Zeit in Anspruch. Ist aber auch sehr wertvoll, so Kontakt zu halten.
In letzter Zeit stand ich als Selbstvertreterin für die Selbstvertretung Uri vermehrt im Einsatz. Mich für die Interessen und Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen einzusetzen, ist für mich eine weitere Herzensangelegenheit.
Ich möchte noch so vieles machen. Doch meine Krankheit ALS bremst mich immer mehr aus. Oft merke ich zu spät, dass ich eine Aufgabe, mit meinen vielen Beeinträchtigungen, gar nicht bewältigen kann. Es frustriert mich, wenn ich meine Ideen, Anregungen, meine Ansichten nicht verständlich wiedergeben kann. Durch meine unverständliche und leiser werdende Lautsprache habe ich an Überzeugungskraft verloren.
Solche Erkenntnisse lassen mich tauchen und ich brauche Zeit, dies wegstecken zu können. Wenn dann noch mein Mann und meine Assistenten meinen, ich hätte zu viel um die Uhren, muss ich wohl einen Gang runterschalten. Eigendlich merke ich es ja selber, wenn ich mich überfordere. Ich bin dann reizbarer und fange an, an allem und jedem herum zu nörgeln. Und das haben meine Liebsten am wenigsten verdient. Also heisst es für mich runterfahren und Ferien buchen.

15. Ich bin zurzeit auf Kurzurlaub in der Toskana. Daher nur ein paar Bilder.
18. Er war kurz aber wunderschön mein Urlaub. Bevor ich euch etwas über die Ferien erzähle, muss ich erstmal meine Ohren mit Musik verwöhnen.

19. Der Ferienbericht  Ich hatte nicht gerade viel Zeit unsere Ferien zu planen. Mein Mann konnte mir wegen seiner Arbeitsstelle, erst eine Woche vor Ferienbeginn das ok geben. Früher stellten diese kurzfristigen Entscheidungen auch kein Problem dar. Wir wären einfach mit der Harley oder mit dem Auto losgefahren. Mit unseren minimalen Ansprüchen hätten wir schon irgendeine Unterkunft gefunden. Heute, unterwegs mit E-Rollstuhl, ist das doch etwas komplizierter. Da reicht eine einfache Unterkunft selten. Ich will ja, dass es mein Mann bei meiner Pflege und meinen Transfers auch bequem hat. Er soll die Ferien genauso geniessen können, wie ich. Das Zimmer und das Bad müssen barrierefrei und genügend gross sein. Für den Süden heisst das für mich, ein vier Stern Hotel zu buchen. Und ich wollte ja nochmals in die Wärme.
Also, das Datum stand fest. Nun ging es darum wie lange. Ganze sechs Tage konnte ich Piet abringen. Für mein Reiseziel die Toskana, eigentlich zu kurz.
Also fing ich an im Netz nach barrierefreien Hotels zu suchen. In Florenz schien mir ein Hotel unseren Anforderungen an Barrierefreiheit, Zentrumsnähe, Parkplatz, guter Ausgangspunkt für Ausflüge, zu entsprechen. Also buchte ich das Hotel mit dem Vermerk, mir die Barrierefreiheit des Zimmers zu bestätigen. Nach vielen Mails und durch das telefonische Eingreifen eines italienisch sprechenden Freundes, bekam ich einen Tag vor Anreise die Bestätigung des Hotels.
Dann am Samstag, die Ankunft beim Hotel. Ein grosses Hotel, eine grosse Treppe, ein kleiner zugedeckter Treppenlift. Hilfsbereites Personal war sogleich zur Stelle und machte für mich den Lift fahrbereit. Ich fahre auf die Plattform, der Lift fährt los um gleich wieder zu stoppen. Ich bin zu schwer, die Plattform bleibt an der ersten Stufe hängen. Was jetzt? Ich komme weder vorwärts noch rückwärts. Das Personal vermehrt sich, viel Palaver. Wisst ihr was, sag ich zu mir, und fahre einfach seitlich von der Plattform runter.
Nun stehe ich mit dem Rolli aber immer noch unten an der Treppe. Wir werden zum Aufzug beim Hintereingang geleitet. Dieser Aufzug ist jedoch zu klein für meinen E-Rollstuhl. Nun gehts über den Keller zu einem anderen Aufzug. Dort komme ich mit biegen und brechen in den Aufzug. Der fährt aber nur bis zur Lobby. Also, wieder aussteigen und wieder in einen weiteren sehr engen Lift umsteigen. Dann endlich, im 4. Stock angekommen. Leider hatten wir noch keine Zimmerkarte. Piet, den Lift meidend und die Treppe nehmend zur Rezeption und wieder zurück. Endlich im Zimmer. Das Zimmer ist genügend gross, ebenso das neu renovierte Bad. Dann meine Frage zu Piet: "Willst du heute noch in die Altstadt. Seine Antwort: "Nein, ich hatte für Heute genug Action." Er konnte ja nicht ahnen, dass das noch nicht alles gewesen ist. 
Android Pie; U+1F92D; Smiley mit Hand vor Mund - „Ups!“ Emoji
An den folgenden Tagen führte uns jeweils ein Page über den Keller nach Draussen und später auch wieder ins Hotel.
Am nächsten Tag besuchten wir Museen, Kathedralen und andere Sehenswürdigkeiten, von denen es zuhauf in Florenz gibt. Ein imposanter Ort.
Wieder zurück im Hotelzimmer, mussten wir mit Erstaunen feststellen, dass all unsere Sachen weg waren. Piet wieder zur Rezeption. Die konnten sich das nicht erklären. Nach einigen Telefonaten wurden unsere Sachen in einem Zimmer im ersten Stock gefunden. Irgendwer von der Rezeption wollte uns wegen dem engen Lift, etwas Gutes tun und dachte, es wäre für uns weniger schlimm, im engen Lift nur ein Stockwerk hochzufahren. Sie dachten nicht daran, dass, wenn ich einmal im Lift bin, die Stockwerkanzahl nun gar keine Rolle spielt. Leider hat sie es versäumt, ihren Kollegen über den Zimmerwechsel zu informieren. Nach einer geschlagenen Stunde brachten gleich vier Pagen unsere Sachen wieder ins alte Zimmer zurück. Diese Nacht war für uns wenigsten gratis.
Das Hotel mit der grossen Lobby war sehr schön. Am Morgen war sie allerdings von Asiatischen Touristen überfüllt. Gruppenweise wurden sie zu den geführten Touren abgeholt. Am ersten Tag haben wir uns einfach solchen Fähnchen-Gruppen angehängt. Als Rollstuhlfahrende Person und als Begleitperson hat man sehr viele Privilegien in Italien. So auch in Florenz. So mussten wir bei den Museen, Kathedralen usw. nie Anstehen. Wir durften an den langen Kolonen vorbeifahren und uns die gratis Billette abholen. Das hat die wartende Menge nicht mal gestört. Nein, sie waren sogar hilfsbereit und freundlich.
An zwei Tagen unternahmen wir Ausflüge aufs Land. Einmal fuhren wir in die Gegend wo Ackerbau betrieben wird und einmal folgten wir der Chianti-Strasse. Die eine Gegend staubtrocken, die andere mit grünen Oasen. Beide haben ihren ganz besonderen Reiz. Unglaublich schön. Ich weiss jetzt schon, ich komme wieder.
Trotz einigen Anfangsschwierigkeiten waren die Ferien wunderschön und ich werde den ganzen Winter davon ziehen können.

21. Die Meteorologen haben den Wintereinbruch für nächste Woche prophezeit. Deshalb haben mein Mann und ich heute beschlossen, nochmals eine Ausfahrt über den Sustenpass zu machen. Der Sustenpass mit seinen 2260 m.ü.M ist einer der ersten Pässe in Uri, welcher geschlossen wird. Die meisten Leitplanken wurden bereits entfernt und die Schneefräsen stehen in Startposition. Die Passlandschaft präsentierte sich heute in ihrem prächtigsten Herbstkleid und die Berge strahlten durch die Sonne. ​​
Traumhaft, wie Piet die Schönheit dieser Landschaft aufs Bild gebracht hat.

23. Ich glaube bald, die Aufzüge haben sich gegen mich verschworen. Gestern nahm ich als Vertreterin der Selbstvertretung Uri an der Sitzung von KoBUR (Konferenz für Behindertenfragen Uri) teil. Als ich am späteren Abend nach Hause komme, fahre ich ins Haus und fahre mit dem Plattformlift zum ersten Stock hoch. Kurz bevor ich oben ankomme, knallt es laut und der Lift stoppt aprupt. Ich erschrecke mich so, beinahe hätte ich die Balance im Rollstuhl verloren. Piet hat den Knall natürlich auch gehört und sieht sofort das Problem, welches nun auf uns zu kommt. Wie bringt er mich mit dem Rollstuhl vom Lift runter. Es geht nämlich gar nichts mehr. Weder vorwärts noch rückwährts. Kommt mir irgendwie bekannt vor und ich muss loslachen. Piet findet das hingegen weniger lustig. Er muss über mich, den Rollstuhl und den Lift klettern um Werkzeug aus dem Keller zu holen. Bewaffnet mit diversem Werkzeug, Brett und Rampe, muss er wieder über alles rüber klettern. Irgendwann gelingt es meinem Mann, den Lift soweit zu bringen, dass ich mittels Rampe von der Plattform fahren kann. Damit wars aber noch nicht gelöst. Mein Schlafzimmer befindet sich im zweiten Stock. Das heisst, zwei Treppen höher. Das ist auch mit dem Manual-Rollstuhl nicht zu schaffen. Also muss ich mir einen anderen Schlafplatz suchen. Zum Glück haben wir vor Jahren einen bequemen Fernsehsessel angeschaft. Der muss für diese Nacht als Schlaflager dienen.
Heute und auch Morgen werde ich das Haus nicht verlassen können. Die Reparatur an den Seilen dauert bis Mittwochabend. Ich hoffe schon, ich kann nochmal raus, bevor der Schnee kommt. Auf alle Fälle gibt’s wieder eine Nacht im Fernsehsessel. Hoffentlich kommt wenigstens ein guter Krimi.
Ich hoffe, die Aufzüge hatten jetzt dann genug Spass mit mir und befördern mich bald wieder ordnungsgemäss.

28. Jetzt ist mir klar, warum mir gestern bei einer Veranstaltung den ganzen Tag kalt war.
Pünktlich zur Winterzeit Umstellung hielt der Winter einzug.
Hier der morgendliche Blick aus dem Fenster.