3. Wie die meisten Urner, freue auch ich mich jeden Frühling, auf die Öffnung der Passstrassen. Es gibt uns wieder mehr Möglichkeiten, den Kanton zu verlassen. Am 1. Mai wurde bei der ersten von fünf Passstrassen die Wintersperre aufgehoben.
Natürlich liess ich es mir nicht nehmen, eigenhändig über den Oberalppass zu fahren. Auch wenn es nur ein kurzes Stück war, es war wunderbar.

5. Ja auch ich habe Momente, in denen ich Tauche. Da verschwindet mein Lachen und eine tiefe Traurigkeit macht sich breit. Manchmal bin ich der Enttäuschungen und des ewigen Kampfes müde. Ist es die Krankheit, die mir die körperlichen Kräfte raubt, so sind es Menschen, die mir mein seelisches Gleichgewicht rauben. Zum Glück gibt es die Tränen, welche das Gleichgewicht wieder herstellen. So finde ich immer wieder zu meinem Lachen zurück.
"Stärke wächst nicht aus körperlicher Kraft - vielmehr aus unbeugsamen Willen." Mahatma Gandhi 1869-1948
6. Gestern fand der 27. Love Ride statt. Der Love Ride Switzerland ist die grösste Benefizveranstaltung der Schweizer Biker-Szene. Der erzielte Gewinn kommt vollumfänglich muskelkranken und behinderten Menschen zugute.
Eigentlich wollten wir dabei sein und später das Joe Bonamassa Konzert besuchen. Doch das nasskalte Wetter machte uns einen Strich durch das Vergnügen. Ich kann es mir einfach nicht erlauben zu frieren und womöglich eine Erkältung einzufangen. Schade, nahmen wir doch schon früher, als ich noch auf den Töff steigen konnte, mit unserer Harley am Love Ride teil. Immer wieder eindrücklich, wie viele Töfffahrer sich an der Ausfahrt mit Menschen mit Beeinträchtigungen beteiligen. Am Abend liesen wir uns das Vergnügen jedoch nicht nehmen, am Bonamassa Konzert teilzunehmen. Wir durften natürlich auf der "Rollstuhl Tribüne" Platz nehmen. Auch wenn die Akustik im Hallenstadion nicht optimal war, so gab der Gitarrenvirtuose und seine Band alles.
So wurden wir für das entgangene Love Ride doch noch entschädigt.


7. Ich weiss, viele mögen sie nicht, die grossen braunen Brummer, die an Mai Abenden durch die Lüfte fliegen. Ich aber mag sie, die surrenden Maikäfer. Heute Abend habe ich den ersten gesehen.

8. Gestern Nachmittag war ich wiedermal mit dem Rolli unterwegs. Da ich das Glück habe, auf dem Land leben zu dürfen, fahre ich an vielen Wiesen und grünen Strassenrändern vorbei. Dabei entdecke ich immer wieder etwas Neues. Je nach Jahreszeit und Ort sind die Grünflächen unterschiedlich bestückt. Zurzeit sehe ich viele Halme in den Wiesen stehen. Sie überragen die eigentlichen Gräser. So sind manche feminin im Aussehen und andere durch ihre Kornrispen stark und präsent. Manche stehen in sattem Grün, andere schimmern Perlmutt Farben. Ebenso unterschiedlich zeigen sich Blumen, wie der Hornklee und der Salbei in den Wiesen. Ich bin immer wieder aufs Neue fasziniert von dieser Pflanzenvielfalt. Ich hole mir, inmitten der wunderschönen Pflanzenwelt, immer wieder die nötige seelische Kraft. Meine Hausapotheke im Grünen.

15. Sorry liebe Leser, es geht mir bis auf die noch immer präsenten Magenprobleme sehr gut. Ich habe zurzeit sehr viel um die Ohren und komme daher kaum zum Tagebuch schreiben. Doch es wird besser. Ihr dürft euch vorerst mit meinem Musikgeschmack auseinandersetzen. ;-) 

19. Bin etwas müde, von der für mich doch anlassreichen Woche. Doch jeder Anlass war es wert, dabei zu sein. So war ich am Montagabend im Kino. Procap Uri lud wieder zur Filmreihe von Look and Roll ein. Die Kurzfilme zeigen den Alltag von Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen. Vor und nach den Filmen finden interessante Gespräche zwischen den Besuchern statt. So schätze ich den Austausch mit anderen Organisationen, welche sich für die Belange von Menschen mit Beeinträchtigungen einsetzen.
Am Freitag gings dann zum Spargelessen in den Schwarzwald. Diese Tagesreise, mit einem rollstuhlgerechten Car, wurde von Martin Zutter (ALS-Betroffener) und seinem Umfeld organisiert und auch durchgeführt. Leider konnte Martin nicht mehr an diesem Ausflug teilnehmen. Und doch war er unter uns. Danke Martin und danke seinem Umfeld. Der Ausflug war wunderschön.

Diese Woche nahm ich auch an einer GV teil. Wie viele andere, bin auch ich Mitglied in verschiedenen ;-) Organisationen. Von Zeit zu Zeit stelle ich mir die Frage, ob alle Vereine, in denen ich Mitglied bin, mit meinen Ansichten und Visionen noch übereinstimmen. Wenn dem nicht so ist, ist es Zeit, die Organisation zu verlassen. Dadurch verhindere ich, dass die wichtigen Tätigkeiten des Vereins nicht unnötig blockiert werden. Ich habe es mir mit der Entscheidung, diesen Verein nach der GV zu verlassen, wahrlich nicht einfach gemacht. Bin ich doch kurz nach deren Gründung beigetreten. Dies ist auch schon wieder 12 Jahre her. Ich habe in all den Jahren einige Visionäre kommen und gehen sehen. Ich durfte aber auch viele ALS-Betroffene, Angehörige und Hinterbliebene kennenlernen. Ich musste mich, in meiner über 18 jährigen Krankheitsgeschichte, aber auch immer wieder von vielen liebgewonnenen Menschen verabschieden. Und trotzdem kann ich nicht anders, als den von ALS-Betroffenen Menschen mein Herz zu öffnen. Ich fühle mich mit ALS- Betroffenen stark verbunden.

Nun fühle ich mich frei und kann mich wieder mit voller Energie, meinen eigenen Projekten und Visionen widmen.
Jetzt bin ich aber wirklich geschafft und brauche ein wenig Zeit, mich zu erholen. Es kommt gut.

22. Hatte gerade eben meine wöchentliche Physiotherapie-Stunde. Schon über sechs Jahre, begleitet mich dieselbe Physiotherapeutin durch meine Krankheit. In dieser gemeinsamen Zeit lernten wir meine körperlichen Schwachstellen kennen und arbeiten gezielt daran, meine Beweglichkeit zu erhalten. Dabei sind passives Durchbewegen und aktives Ballspiel, Möglichkeiten für eine abwechslungsreiche Therapie-Stunde. Auch für die Atemtherapie setzen wir immer wieder einen Lungentrainer als Hilfsmittel ein. Meine Therapeutin und ich sind ein eingespieltes Team und der Spass kommt nicht zu kurz. Seit der Reha kommt nun zusätzlich eine Ergotherapeutin einmal in der Woche bei mir vorbei. Ihre Aufgabe, die Beweglichkeit meiner Schultern, Arme, Hände und Finger zu erhalten. Auch hier setzten wir ab und an Hilfsmittel ein. So bringen wir meine zur Faust eingerollten linken Finger, mittels einer Luftpolsterschiene, in die Streckung. Die Krankheit ALS hat mir mittlerweile sehr viele Muskeln geschwächt. Ich kann mich nur noch beschränkt eigenständig bewegen. Da ich mich schon immer gerne bewegt habe, schätze ich diese Therapien sehr. Während den Therapien kann ich meinen Körper besser spüren. Dies wiederum lässt meine Psyche frohlocken. Was mir aber besonders guttun würde, wäre eine strahlende Sonne. Momentan zeigt sie sich äusserst spährlich und die warmen Temperaturen lassen immer noch auf sich warten.
Endlich hat der Regen nachgelassen und für kurze Zeit schien sogar die Sonne durch die Wolken. Also nahm ich die Gelegenheit wahr und schaute nach unseren Pflanzen im Garten.
23. Mit Musik einzuschlafen tut mir gut. Mit der Sonne aufzuwachen tut mir noch viel besser. Jetzt, wo ich im Bett liege und auf meine Assistentin zur Morgenpflege warte, scheint die Sonne direkt auf mein Kopfkissen und ihre langen Strahlen spielen in meinem Gesicht. Ich freue mich so, aufzustehen und den Tag mit der Sonne zu verbringen.

29. Rolle kurz der Sonne entgegen. Melde mich im Juni wieder. Sonne mit Strahlen Emoji - U+2600